Chronik | Oberösterreich
05.12.2011

Ein Blutbad unter Schulfreunden

Ein 17-Jähriger aus Braunau soll am Sonntag seinen 16-jährigen Freund beim gemeinsamen Lernen erstochen haben. Über ihn wurde U-Haft verhängt.

Der Fall gibt den Ermittlern große Rätsel auf. Zwei Freunde verabreden sich am Sonntagnachmittag beim älteren zu Hause in Braunau (OÖ), um für eine Deutschschularbeit und einen Biologietest zu lernen. Beide sind Schüler des Bundesrealgymnasiums Braunau, seit längerer Zeit auch Sitznachbarn und haben gemeinsam an einer Sprachreise nach England teilgenommen. Seit rund vier Jahren verbringen sie viel Freizeit miteinander. Ihre Freundschaft gilt als innig und im Grunde konfliktfrei.

Doch während sie zu zweit in der kleinen Wohnung sitzen, passiert etwas, das eine Katastrophe auslöst. Der 17-jährige Ivan schnappt sich ein Küchenmesser und sticht wie wild immer wieder auf den 16-jährigen Sebastian ein. So lange, bis der sich nicht mehr rührt. Dann versucht er sich die Pulsader am linken Arm aufzuschneiden und sticht sich in selbstmörderischer Absicht auch noch mehrmals in den Bauch.

Sein Vorhaben misslingt. Gegen 19.30 Uhr alarmiert er per Notruf die Polizei. "Ich brauche Hilfe, ich habe mich verletzt." Den Beamten gegenüber erklärt er, ein Blackout gehabt zu haben und sich an nichts mehr erinnern zu können. Er wird ins Krankenhaus St. Josef in Braunau gebracht und notoperiert. Ivan ist außer Lebensgefahr.

Overkill

Gerichtsmediziner untersuchen am Montag den Körper des Toten. "Das Opfer ist mit mehr als 20 Messerstichen getötet worden", erklärt Alois Ebner von der Staatsanwaltschaft Ried. Er vermutet einen "Overkill", also eine Tötung wie von Sinnen. Überall in der kleinen Wohnung seien Blutspuren sichergestellt worden.
Hinsichtlich des Motivs tappt er vorerst noch völlig im Dunklen.

"Der Verdächtige sagt, dass er sich an nichts erinnern kann." Klar scheint nur, dass der junge Mann seit Jahren an Depressionen leidet, er deswegen in ärztlicher Behandlung war und Medikamente einnehmen musste. "Das Ganze hat nach dem Tod meines Mannes vor vier Jahren begonnen. Der Ivan war darüber extrem traurig. Vor zwei Jahren ist dann auch noch sein anderer Opa gestorben", erzählt Anka D., die Großmutter des Verdächtigen. Der Enkel sei immer ein sehr braver und ruhiger Bub gewesen, der kaum fortgegangen sei. "Ich verstehe das nicht."

Integriert

Der serbischstämmige Ivan und Sebastian, der belgisch-japanische Wurzeln hatte, waren in ihrer Klasse gut integriert. "Sie waren gute Schüler, Sebastian galt als Mathematikgenie", sagt Landesschulinspektor Günther Vormayr. In der Schule habe es mit den beiden nie Probleme gegeben. "Keiner von ihnen war ein Außenseiter."

Ihre Klassenkameraden mussten am Montag psychologisch betreut werden. Dabei kam es zu Weinkrämpfen. Vormayr: "Mitschüler und Lehrer können sich die Tat einfach nicht erklären."

U-Haft verhängt

Am Dienstag wurde über den 17-Jährigen die Untersuchungshaft verhängt. Der Verdächtige blieb auch gegenüber der Haftrichterin bei seiner Darstellung: Er habe ein Blackout gehabt und könne sich weiterhin an nichts mehr erinnern.

Die Ermittlungen konzentrieren sich nun auf sein Umfeld, auch Computer und Handys der Schüler sowie ihre Auftritte auf sozialen Plattformen werden genau unter die Lupe genommen, berichtete das ORF-Radio Oberösterreich.

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