Johann Schneeberger hat selbst 30 Kühe

© honorarfrei/Josef Ertl

Interview
05/22/2016

"Die Zukunft liegt nur in der Qualität"

Der Obmann der Berglandmilch Johann Schneeberger über die Probleme der Bauern durch den niedrigen Milchpreis.

von Josef Ertl

Johann Schneeberger ist Milchbauer in Putzleinsdorf (Bez. Rohrbach). Der 60-Jährige bewirtschaftet mit seiner Frau 26 Hektar und hat 30 Kühe. Sie geben rund 230.000 Liter Milch. Er ist Obmann der Genossenschaftsmolkerei Berglandmilch, die ihren Sitz in Wels hat. Die 1600 Mitarbeiter verarbeiten rund 40 Prozent der österreichischen Milch. 13.000 Bauern sind Mitglieder. Die Hauptprodukte sind Schärdinger, Desserta, Tirol Milch, Latella, und Landfrisch. 50 Prozent gehen in den Export, in 53 Länder weltweit. Österreichs 30.000 Milchbauern produzieren jährlich rund drei Milliarden Liter Milch.

KURIER: Sie haben den Hof mit 22 Jahren übernommen. Wie hat sich die Situation in den vergangenen 40 Jahren verändert?

Johann Schneeberger: Es hat sich dramatisch verändert. Früher hat man weniger Tiere pro Hektar gehalten, man hatte eine Mischung aus Schweinen, Tiermast und Milch. Es hat sich nun alles Richtung Milch bewegt.

War es wirtschaftlich besser oder schlechter?

Mit dem Einkommen von früher könnten wir heute überhaupt nicht mehr reüssieren. Es hat eine Spezialisierung und eine Leistungssteigerung stattgefunden. Wer das nicht vollzogen hat, den gibt es heute nicht mehr. Denn die Kosten für die Maschinen und die Sozialversicherung haben sich entsprechend entwickelt.

Aldi verkauft in Deutschland einen Liter Milch um 46 Cent. Was bleibt für die Bauern da noch übrig?

Bergland steht trotz schlechter Zeiten relativ gut da. Wir zahlen den Bauern 27,3 Cent netto, dazu kommen 13 Prozent Mehrwertsteuer, was rund 30,5 Cent brutto ergibt.

Warum ist der Milchpreis so niedrig?

Die Gründe sind vielfältig. Das Russland-Embargo wirkt sich aus, die Chinesen kaufen weniger. In Europa ist der Absatz leicht rückläufig, gleichzeitig wird mehr Milch produziert. Speziell in Nordeuropa, in Irland, in England, Deutschland, Holland, Dänemark und Schweden. Wir haben in Europa rund 380.000 Milchbauern, die unter höchst unterschiedlichen Rahmenbedingungen produzieren. Vom Klima, von der Größe, von den Kosten, von den Auflagen (Tierschutzgesetz). Die irischen Bauern haben fast noch günstigere Produktionsbedingungen wie Neuseeland. Sie brauchen keine Ställe, die Tiere sind 365 Tage auf der Weide. Mit unseren Kosten und kleinen Strukturen, mit den Bergen und mit den Ställen sind wir benachteiligt.

Bei den derzeitigen Preisen legen nicht wenige Bauern bereits dazu.

Wie viele sind das?

Das lässt sich schwer sagen. Es hängt davon ab, wie die Einzelnen die Kosten im Griff haben.

Manche argumentieren, die Bauern sollen sich marktkonform verhalten. Diese machen es sich zu einfach. Bei 380.000 Anbietern in Europa ist die Anpassung langwierig und schmerzhaft. Jene mit den höchsten Kosten haben die größten Schwierigkeiten, wo die anderen mit 20 Cent noch durchkommen. Man kann die Landwirtschaft nicht mit einer Stahl- oder Autoproduktion vergleichen. Da gibt es wesentlich weniger Anbieter.

Wie überleben jene, die die Kosten nicht mehr abdecken können?

Es gibt einen bäuerlichen Spruch, der lautet "Mit Vorrat ist gut hausen". Es ist eine gute bäuerliche Tradition, in guten Zeiten Reserven anzulegen.

Auf Kosten der Substanz zu leben, geht eine Zeit lang gut. Was tut man, wenn sie zu Ende geht?

Wir erleben derzeit Volatilität in Reinkultur, was wir bisher nicht gewohnt waren. Seit der Abschaffung der Milchquoten passiert das schneller und öfter. Das heißt, es gibt Zeiten wie diese, die man durchtauchen muss. In der Hoffnung, dass es besser wird. Aber bei diesen Milchpreisen tut mir selbst langsam das Herz weh.

Die Breite der 380.000 europäischen Milchbauern reicht vom kleinsten Bergbauern in 1500 Meter Höhe bis zum industriellen Großbetrieb in Brandenburg mit ein paar tausend Kühen. Diese produzieren mit Fremdarbeitskräften und in hohem Maße mit Fremdkapital. Sie halten schwierige Phasen weniger lang aus als Familienbetriebe. 2008/’09 gab es eine ähnliche Krise. Da haben wir gesehen, dass die Nachfolgebetriebe der ehemaligen Kolchosen in Rumänien, Bulgarien und Tschechien eingebrochen sind.

Dennoch geht der Strukturwandel weiter und die Zahl der Bauern sinkt.

Den Strukturwandel hat es immer gegeben. Aber selbst bei gravierenden Schritten wie dem EU-Beitritt ist er nicht signifikant gestiegen.1995 hatten wir in Österreich 91.000 Milchbauern, derzeit sind wir bei 30.000. Heute produzieren wir mit weniger Betrieben mehr Milch. Früher hat ein Bauer in seinem Leben ein Mal einen neuen Stall gebaut. Heute baut er möglicherweise drei Mal. Die Frage ist, was die nächste Generation machen wird.

Wenn ein Junger Sie um Rat frägt, ob er Milchbauer bleiben bzw. werden soll, was antworten Sie ihm?

Meine erste Frage ist, ob ihm das gefällt bzw. ob er das machen will. Wenn er das gerne macht, ihn der Umgang mit Tieren freut und er halbwegs Möglichkeiten hat, hat er Zukunft.

Es ist momentan eine schlechte Stimmung in der Bauernschaft. Jene, die investiert haben, werden schief angeschaut. Ich halte das nicht für richtig. Ich habe auch ein Mal Stall gebaut. Wer jetzt jung ist, braucht Zukunft. Wenn er am Stand seiner Eltern vor 30 Jahren stehen bleibt, hat er keine Zukunft.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Schärdinger Milch und jener, die ein industrieller Betrieb in Brandenburg produziert?Ja. Wir haben in Österreich keine Massentierhaltung. Unser Bauer kennt die Kuh noch beim Namen. Unsere Kühe werden gentechnikfrei gefüttert. In Zukunft wird es auch keine Futtermittel mehr aus Übersee geben. Hier sind wir bei der Umstellung. All das trifft beim Brandburgischen Großbetrieb nicht zu. Der Kuh geht es in einem Stall mit 20, 30 Stück besser als bei 1000. Auch bei der Gesundheit der Euter tun sich unsere kleinen Betriebe viel leichter.

Schärdinger ist regional. Wir sammeln die Milch aus sechs Bundesländern ein. Wir decken rund 13 Prozent der österreichischen Trinkmilch ab.

Wo sehen Sie die Zukunft der Milchproduktion?

Ausschließlich in der Qualität. Ich glaube an Österreich als den Feinkostladen Europas, wie das Franz Fischler formuliert hat. Österreich wird wegen seiner Landschaft und der Nachhaltigkeit geschätzt. Zum Beispiel, dass die Kühe dasselbe Wasser wie wir Menschen trinken. Das ist in anderen Ländern nicht selbstverständlich.

Wie stehen Sie zum transatlantischen Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU?

Zum momentanen Verhandlungsstand kann man weder Ja noch Nein sagen.

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