Chronik | Oberösterreich
17.12.2017

"Die Volksmeinung ist keine biblische Kategorie"

Der evangelische Bischof über Flüchtlinge, Reformation und religiöse Wahrheitsansprüche.

Michael Bünker (63) ist evangelisch-lutherischer Theologe und seit 2008 Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Österreich.

KURIER: Landessuperintendent Thomas Hennefeld hat in seiner Predigt beim Gottesdienst zur Eröffnung der Synode in Linz gesagt, dass dieses "Widerständige, Radikale, Subversive" den Christen in Europa verloren ge gangen sei. Sind Sie subversiv?

Michael Bünker: Ja, wenn esnotwendig ist (schmunzelt). Ich bin ein Pfarrerskind. Die sind überangepasst oder subversiv. Ich habe mich dann doch entschlossen, selber Pfarrer zu werden. Da gibt es die Bandbreite des evanglischen Pfarrhauses, das immer auch zur Kritik erzieht. Deswegen gehört das Widerständige, Provokante und Subversive ein Stück weit dazu.

Ist das das Reformatorische an sich?

Ja, ein bisschen. Die Haltung, hier stehe ich, ich kann nicht anders, auch wenn es der Kaiser ist, der mir gegenüber sitzt, dass man sich auf das eigene Gewissen und die eigene Vernunft verlässt, das hat etwas Aufsässiges. Begründete Aufsässigkeiten würde man heute wieder mehr brauchen.

Wo zum Beispiel?

Wir haben sehr viele unbegründete Aufgeregtheiten. Zum Beispiel bei den Asylwerbern.

Warum?

Die größten Aufgeregt heiten hat man dort, wo man keine Asylwerber hat und wo man noch nie mit einem zu tun gehabt hat.

Aber die Menschen bewegt das, was man am Ausgang der Nationalratswahl ablesen konnte. Da ist Ihre Kirche wirklich subversiv, denn die Volksmeinung ist eine andere.

Volksmeinung ist keine biblische Kategorie. Wenn in der Bibel die Volksmeinung vorkommt, dann meistens nicht in einer positiven Weise. Es war auch die Volksmeinung "Kreuzige Ihn!" Der zu folgen war aus unserer Sicht ein Fehler.

Die Aufnahme von Flüchtlingen wurde nun von der Regierung begrenzt. Sie haben kürzlich ebenfalls von Begrenzungen gesprochen.

Es ist klar, dass es keine unbegrenzte Aufnahme geben kann. Das sagt der Hausverstand.

Wo liegen die Grenzen?

Das ist schwer zu sagen. Die Diskussion über Obergrenzen ist immer ein bisschen schwierig. Tatsache ist, dass Österreich sehr viele Asylwerberinnen und Asylwerber aufgenommen hat, mehr als viele andere Länder. Ich bin sehr froh, dass viele evangelische Pfarren und viele Ehrenamtliche dazu beitragen, dass die Integraton in einer guten Weise geschieht.

Oberösterreich hat 1945 durch die Flüchtlinge seine Bevölkerung verdoppelt. Dass ein Land mit acht Millionen Einwohnern, das nach allen Rankings zu den reichsten Ländern der Welt gehört, mit 90.000 Flüchtlingen, von denen 40.000 da bleiben, überfordert wäre, kann ich nicht sehen. Dann wären wir mit den 90.000 Bosniern, die 1992 gekommen sind, auch überfordert gewesen. Oder mit den Flüchtlingen des Ungarnaufstands 1956. Das war beide Male nicht der Fall.

Es gibt Hochrechnungen, die besagen, dass in 30 Jahren die Muslime die stärkste Religionsgemeinschaft in Wien sein werden. Ich habe dazu eine Ihrer Oberkirchenrätinnen befragt, die darauf geantwortet hat, das ist für die Protestanten kein Problem, denn sie seien es gewohnt eine Minderheit zu sein.

Wir sind das seit 1650 gewohnt. Die Zahlen werden in der einen oder anderen Weise interpretiert, aber es ist eine Tatsache, dass wir eine deutliche muslimische Minderheit in Österreich haben werden. Ob das nun 15 oder mehr Prozent sind. Wir haben derzeit schon doppelt so viele Muslime wie es Evangelische gibt und sicher auch mehr als doppelt so viele Orthodoxe. Das zeigt, dass sich die Religionslandschaft in Österreich ändert, wie in anderen europäischen Ländern auch.

Es gibt manche, die sagen, Sie würden gerne in einem christlichen Österreich und in einem christlichen Europa leben und nicht in einem von Muslimen dominierten.

Dann sollen sie jeden Sonntag in die Kirche gehen. (lacht)

Das antwortet auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.

Das ist die erste Antwort, die man geben muss. Alle, die das sogenannte christliche Europa beschwören und die Gefahr auftauchen sehen, die durch die religiöse Pluralität für den christlichen Glauben vermeintlich entstehen kann, werden sofort gefragt, wie steht es mit ihrer eigenen Christlichkeit? Man kommt oft drauf, dass die Leute gar nicht wissen, was die Inhalte ihres eigenen Glaubens sind. Sie sind oft nicht fähig, ihrem Glauben eine Sprache, eine Ausdrucksform zu geben, geschweige denn mit anderen Glaubensüberzeugungen in einen Dialog zu treten. Deswegen empfindet man den fremden Glauben, in dem Fall den Islam, als Bedrohung.

Sie sehen das nicht so?

Ich sehe das entspannter. Es ist in jedem Fall eine Herausforderung. Die Frage, wie man mit unterschiedlichen religiösen Wahrheitsansprüchen umgeht, hat sich in Europa eher unselig ausgewirkt.

Früher hat die römisch-katholische Kirche behauptet, sie sei die einzig allein selig machende Institution. Manche unter den muslimischen Strömungen behaupten das auch und verlangen, dass sich alle anderen unterordnen müssen, weil die anderen ungläubig seien und deshalb auf einer niedrigeren Stufe stehen.

Das kann jemand denken oder auch sagen, es darf aber nie dazu führen, dass sich das gesellschaftlich auswirkt und schon gar nicht, dass das zur Legitimation von Gewalt führt. Wie man das in anderen Ländern der Welt merkt. Wir haben das aus der europäischen Geschichte gelernt. 200 Jahre Religionskrieg waren genug. Das darf es nie wieder geben, egal, wer welchen Glauben hat.

Im abgelaufenen Jahr fand das Jubiläum 500 Jahre Reformation statt. Was wird davon bleiben?

Es bleibt das Gefühl, dass es gut war, dass wir das hatten. Für die Evangelischen war es ein großes Geschenk. Das Zweite, was bleibt, ist die überwältigende Zahl von Veranstaltungen auf allen Ebenen. Ich rede jetzt einmal nur von den internen . Die überwältigende Mehrheit der Veranstaltungen war erfolgreich. Es hat ein überwältigendes Interesse daran gegeben.

Was auch bleibt, ist das enorme Interesse der Öffentlichkeit. Es sind rund 1500 Artikel rund um das Reformationsjubiläum erschienen. Das ist für eine Drei-Prozent-Minderheit ungewöhnlich. Evangelisch zu sein und die Geschichte des Protestantismus in Österreich waren plötzlich interessant. Dazu kam auch die Frage, was tragen die Evangelischen zum Zusammenleben in Österreich bei?

Wie hat sich die Reformation auf die heutige Gesellschaft ausgewirkt?

Die Bibelübersetzung in der Landessprache und dass jeder für seinen Glauben selbst verantwortlich ist. Es geht um Mündigkeitim Glauben und um das Kritisch sein der Predigt des Pfarrers gebenüber.

Daraus folgt Bildung, Bildung, Bildung. Bildung für alle. Alle müssen in die Schule gehen, Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Nicht nur die Söhne der Adeligen, sondern auch die Töchter der Mägde. Überall dort, wo sich die Reformation durchgesetzt hat, werden Schulen gegründet. Wie auch das Linzer Landhaus, das eine Schule war. Das waren inklusive Schulen.

Das Dritte ist die Diakonie. In St. Pölten kann man das sehr deutlich sehen, wo die testamentarischen Verfügungen der Bürger, die Wallfahrten, Meßstiftungen und Klöster gewidmet waren, zurückgingen und dafür für das Bürgerspital und die Armeneinrichtungen verwendet wurden.