V. l.: Katharina Vötter, Georg Bonn und Carina Werthmüller scharen sich um Peter Pertusini (Mitte)

© Landestheater Linz/thomas m. jauk

Kritik
03/29/2015

Die spannungslose Sinnsuche eines verführerischen Lügners

Henrik Ibsens "Peer Gynt" feierte am Freitag im Landestheater Linz Premiere.

von Daniel Scheiblberger

Kopflose Stoffpuppen und unzählige Kleidungsstücke säumen das Bühnenbild. Die Gewänder werden während der zweieinhalbstündigen Aufführung von "Peer Gynt" auf kuriose Weise angezogen und wieder abgestreift. Mit diesem Bild schuf Gerhard Willert (Inszenierung) eine Metapher für die fantastisch-poetische Lebensgeschichte des Titelhelden, der unzählige Identitäten annimmt und wieder abstreift, ohne wirklich "er selbst" zu sein.

Gynt ist ein notorischer Lügner, ein Frauenheld und Träumer – "ich möchte Kaiser werden"–, der niemanden emotional an sich heranlässt. Obwohl nur Solveig mit ihm tanzen will, raubt er die reiche Braut Ingrid. Er muss aus seinem Dorf flüchten und schlittert in das Reich der Trolle, in eine Art Unterwelt. Doch auch zur Tochter des Troll-Königs bekennt er sich – nach einer Liebesnacht – nicht. Seine Sinnsuche verschlägt ihn nach Afrika, wo er mit Waffen und Sklaven handelt und der Gier nach Geld verfällt. Alles sucht er im Außen, anstatt sich nach innen zu wenden. Seine Selbstsuche wird zur Selbstentfremdung.

Ohne Spannung

Gynt geht in die Wüste, von Marokko bis Kairo, wo er als Pharao lebt. In einem Irrenhaus wird er zum Kaiser gekrönt. Die Schauspieler müssen Dutzende symbolhafte Figuren spielen – die dicht aneinandergereihten Wechsel wirken irritierend. Willert, seines Zeichens auch Schauspieldirektor des Landestheaters, lässt die abenteuerlichen Szenen formlos verschwimmen. Damit man die Fülle an unterschwelligen Allegorien ausmachen kann, braucht man sehr viel Aufmerksamkeit. Oft wirkt die Inszenierung des Fünfakters spannungslos, verwirrend und langatmig. Auch Peter Pertusini, der exzentrische Charaktere sonst meisterlich darstellt, war als Peer Gynt nicht in Topform. Musikalisch gab es nicht den Spätromantiker Edvard Grieg zu hören, sondern den Klangkünstler Wolfgang "Fadi" Dorninger. Der lieferte surreal-psychedelische Klänge, die die Mimen gesanglich komplettierten. Am Schluss werden alle Kleidungsstücke in der Bühnenmitte auf einen Haufen gelegt. Gynt gräbt sich darin ein, versinkt in seinen unzähligen Identitäten und stirbt. Der "Knopfgießer" will ihn einschmelzen und umgießen, weil Gynt es nicht schaffen konnte, "er selbst" zu sein. Willert war mit seiner Inszenierung mutig – vielleicht braucht man als Zuschauer ein paar Tage, bis sich das formlose Treiben dem Bewusstsein offenbart.

Die nächsten Vorstellungen sind am 1., 11., 13., 15.,22., 24. April und am 8., 16. Mai.

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