Lebensader S10

© honorarfrei/Stadtgemeinde/Martin Pröll

Bezirk
02/19/2017

Die S 10 als "Jahrhundertchance"

500 neue Arbeitsplätze durch Betriebsansiedelungen – Autobahn bis Prag soll bis 2025 fertig sein.

von Josef Ertl

Gabriele Lackner-Strauss hält den Bau der S 10 für eine "Jahrhundertchance". Die autobahnähnliche, 22 km lange Strecke wurde 2015 eröffnet und wird nun von Freistadt Nord bis zur tschechischen Grenze fertiggebaut. 2025 sollte man von Linz ins 250 km entfernte Prag auf der Autobahn durchfahren können. Derzeit wird die Umfahrung Budweis errichtet.

"Mit der S 10 können wir dem Trend der Landflucht entgegenwirken", sagt die 64-jährige Unternehmerin, Wirtschaftskammerobfrau und Landtagsabgeordnete. "Freistadt ist ein klassischer Pendlerbezirk. Entlang der S 10 haben wir nun internationale Firmen ansiedeln können." Ein Beispiel sei die Firma Steinbauer, die sich mit Motorenoptimierung beschäftigte und weltweit unterwegs sei. Oder die Firma Schinko in Neumarkt (Schaltstänge und Gehäuse). Oder die Kreisel-Brüder, die nun ins Betriebsbaugebiet Freistadt Nord übersiedeln.

Arbeitslosenrate 4,5 %

"Viele sehen die Mühlviertler Arbeitskräfte als Vorteil." Tatsächlich gehört der Bezirk mit einer Arbeitslosenrate von 4,5 Prozent zu den Besten Österreichs. Drei große Betriebsansiedlungsgebiete wurden geschaffen: Leopoldschlag (Grenzgebiet Wullowitz), Freistadt Nord (Rainbach) und Freistadt Süd. Darüber hinaus ist man mit den Landwirten in Kontakt, um weitere Flächen beschaffen zu können. "Wir haben bis jetzt 500 Arbeitsplätze geschaffen." So eine Straße wie die S 10 verändere die gesamte Region. "Wir planen das und überlassen nichts dem Zufall." Alle 27 Bürgermeister des Bezirks seien eingebunden und würden die Projekte gemeinsam beschließen.

Die große Befürchtung, dass durch die nur mehr 20-minütige Fahrt nach Linz noch mehr Einheimische in die Landeshauptstadt auspendeln würden, sei nicht eingetreten, so Lackner-Strauss. "Wir versuchen mit einer hohen Lebensqualität dem entgegenzusteuern." Mit günstigen Baugründen wolle man die Familien halten. Aber noch immer pendeln 50 bis 60 Prozent der Arbeitskräfte nach Linz aus. Mit Stichtag 1.1.2016 wohnten 1395 Lehrlinge im Bezirk. 872, das sind 61,5 Prozent, pendelten aus, mit 639 der Großteil nach Linz.

Während die Region entlang der S 10 boomt, gibt es im Bezirk ein Gefälle hin zum angrenzenden Waldviertel. Die Menschen wandern ab, ein Beispiel dafür ist Liebenau, mit rund 1000 Metern Seehöhe der höchstgelegene Ort Oberösterreichs. Die Verkehrsverbindungen seien hier nicht so gut, sagt Lackner Strauss. Man müsse die Grenzregion noch mehr unterstützen, damit die Abwanderung nicht noch stärker werde.

Als 1989 die Grenzbalken zu Tschechien hochgingen und Tschechien 2004 EU-Mitglied wurde, wurde ein Ansturm billiger Arbeitskräfte erwartet. Doch der blieb aus. "In der Grenzregion in Tschechien herrscht ein dramatischer Fachkräftemangel. Österreichische Firmen wie Engel , die sich drüben angesiedelt haben, suchen nun Fachkräfte." Viele Tschechen sind aus der Grenzregion weggezogen und teilweise ins EU-Ausland gegangen. Viele gingen nach Irland. Es gebe zwar einige Firmen, die über die Grenze hinweg kooperieren würden, "aber es ist immer noch viel zu wenig. Das betrifft österreichische und tschechische Firmen genau so."

Auch in Tschechien gebe es die Landflucht. Die Menschen ziehen vom Land nach Budweis und Prag. "Ich bin überzeugt, wenn die Lücke in der Autobahn geschlossen ist, werden sich wieder mehr Menschen und Betriebe im Grenzraum ansiedeln. Die gesamte Region wird interessanter."

Freistadt profitiert noch stärker als Gesamtösterreich vom Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs. Gab es bis 1989 rund 1500 Betriebe, sind es heute 3754. Das ist deutlich mehr als doppelt so viel. Lackner-Strauss: "Wir haben jede Woche drei Firmenneugründungen." Nach Freistadt ist Hagenberg (2700 Einwohner) das zweite, südliche Zentrum im Bezirk. Neben 1500 Studenten an der Fachhochschule gibt es auch 1500 Arbeitsplätze. Einige Studenten gründen Start-ups.

Ein Problem ist die Summerauerbahn, die nach Linz führt. "Es geschieht nichts, es wird immer schlechter", kritisiert Lackner-Strauss. Der öffentliche Verkehr hinke im gesamten Bezirk hinterher. Busverbindungen seien gestrichen worden. Gerade für die Lehrlinge, die noch kein Auto hätten, sei das ein Problem. Selbst die geplante Regiotram, eine Straßenbahnverbindung von Linz nach Pregarten, sei vorläufig gescheitert. "Sie muss schneller sein als das Auto, sonst steigen die Menschen nicht um." Lackner-Strauss fordert auch die Realisierung der Ostumfahrung von Linz.

Eine nüchterne Sicht auf die Entwicklung des Bezirks hat Arbeiterkammerpräsident Johann Kalliauer. "An der Arbeitsmarktstruktur des Bezirks hat sich in den vergangenen Jahren nichts Spektakuläres verändert. Auch die S10 wirkt sich bestenfalls allmählich über einen längeren Zeitraum aus." Die Arbeitslosenquote des Bezirks liege traditionell unter dem Landesdurchschnitt. Zuletzt sei die Zahl der Arbeitslosen leicht gesunken. Die Beschäftigung steige kontinuierlich – in den Jahren 2015/2016 aber merklich schwächer als in ganz Oberösterreich. Der Bezirk sei für Pendler in den Zentralraum nach wie vor attraktiv.

Durch die S 10 verliere der öffentliche Verkehr an Attraktivität. "Daher ist es besonders wichtig, auch diesen großzügig auszubauen."

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