Chronik | Oberösterreich
30.07.2017

"Der Körperschmuck zeigt den finanziellen Status"

Eva Schmidinger (48) und Julia Dumps (27) betreiben das derzeit angesagteste Tattoo-Studio in der Linzer Lederfabrik.

KURIER: Warum sind Sie Tattoo-Künstler geworden?

Eva Schmidinger: Beim Arbeitsamt bekam ich die Auskunft, dass ich in meinem Alter, ich war bereits über 40, keinen Job als Grafikerin mehr bekommen kann. Meinen alten Beruf als Taucher wollte ich nicht mehr ausüben. Da ich gerne zeichne, kam ich zum Tätowieren.

Julia Dumps: Nachdem ich für Werbeagenturen tätig war, wollte ich das Tätowieren lernen. Möglichkeiten in einem Studio zu arbeiten blieben aber aus. Als dann ein Tätowier-Seminar ausgeschrieben wurde, habe ich mich angemeldet.

Wann haben Sie sich das erste Mal tätowieren lassen?

Eva Schmidinger: Ich habe meine ersten Tattoos 1991 aus Kanada mitgenommen. Das sind Andenken an diese Zeit. Man konnte sie nicht so gut sehen, da sie nicht sehr groß waren. Damals war die Akzeptanz noch nicht sehr hoch. Mit der Zeit hatten dann immer mehr Menschen ein Tattoo.

Wer kann es sich aus beruflichen Gründen bis heute nicht leisten, tätowiert zu sein?

Eva Schmidinger: Sehr viele Ärzte, Banker, Versicherungspersonal, Steuerberater, Anwälte und Personen, die bei Anwälten arbeiten. Vor allem im Staatsdienst ist es problematisch, da ja das Tätowieren immer einen kriminellen Touch gehabt hat. Man möchte eben nicht, dass Beamte genauso aussehen wie die bösen Buben, was ich verständlich finde.

Julia Dumps: Es wird immer konservativere und offenere Menschen geben. Das war schon immer so und das wird auch immer so bleiben.

Haben Tattoos ein Protestpotenzial?

Eva Schmidinger: Ich bin ein Kind der Punk- und Skinhead-Generation der 1970er- bis 1980er-Jahre. Da hatte das Tätowieren noch kein Protestpotenzial, da es nur wenigen möglich war. Es gab damals kaum Tätowierer am Markt. Als Protest galt eher das Haarefärben und die Kleidung. Das Tätowieren hat eher etwas mit Gruppendynamik zu tun, als dass ich Leute schockiere.

Julia Dumps: Es gibt sicher Menschen, die sich noch immer ein Hakenkreuz tätowieren lassen, oder Tattoos in ihrem Gesicht tragen. Wer provozieren will, macht es auch. Protest ist es eher, wenn man seinen Eltern etwas auswischen will.

Müssen Tattoos "restauriert" werden?

Julia Dumps: Grundsätzlich nicht, allerdings muss beachtet werden, dass ein Tattoo unter der Haut arbeitet. Zum Beispiel werden Kanten unschärfer und ausgebleicht. Natürlich verändern sich nach Jahren auch die Farben. Es kommt auch darauf an, wie der Kunde das Tattoo pflegt. Grundsätzlich kann man aber immer nachstechen.

Eva Schmidinger: Die Haut verändert sich mit der Zeit und der ganze Körper unterliegt dem Stoffwechsel. Die Farbe bleibt auch nicht vor dem Stoffwechsel verschont. Bei Kunden, die viel in der Sonne liegen, wird das Tattoo beschädigt.

Ist das Tattoo ein Luxusartikel geworden?

Julia Dumps: Tätowierungen sind in der Tat Luxusartikel geworden. Man zahlt mehrere Hundert Euro für ein Motiv. Es kommt natürlich auch auf die Größe und die Lage des Tattoos an. Sie können außerdem nicht wie Autos geleast werden. Daher zeigt der Körperschmuck den finanziellen Status. Leute, die sich nicht in Unkosten stürzen wollen, gehen zu günstigeren Tätowierern. Jene, denen das Tattoo wirklich wichtig ist, ist der Preis egal. Der Wert meiner Tattoos ist so hoch, dass ich mir dafür ein wirklich schickes Auto kaufen könnte, aber so rechnet man das natürlich nicht. Ich will eine gute Arbeit haben und die kostet halt Geld. Solange man glücklich mit dem Tattoo ist, ist es egal, ob man 200 Euro oder 500 Euro dafür bezahlt hat.