„Das Gasthaus war ein Ort der Rebellion“

roland girtler
Foto: jürg christandl Girtler: „Das Kaffeehaus in den Gemeinden hat zunehmend die Landgasthäuser als Ort des Zusammenkommens ersetzt.“

Soziologe Roland Girtler über die frühere Rolle des Wirtshauses im Gemeindeleben.

Der in Spital am Pyhrn aufgewachsene Soziologe Roland Girtler ist Spezialist für alte Bauernkultur, Schmuggler,  Grenzgänger,  Pfarrersköchinnen, Prostituierte, Wilderer und viele mehr.
In seinem 2008 beim Böhlau-Verlag erschienenes Buch „Herrschaften wünschen zahlen. Die bunte Welt der  Kellnerinnen und Kellner“ beschreibt er auch das Wirtshaus, wie es früher war.

KURIER: Welche Rolle hat das Wirtshaus im Gemeindeleben gespielt?
Girtler: Im klassischen Gasthaus, wie es bis in die 70er- und 80er-Jahren bestanden hat, haben sich alle Vereine des Ortes getroffen. Heute haben alle ein eigenes Haus und brauchen nicht mehr dorthin  gehen. Jetzt besuchen die Menschen mehr das Kaffeehaus, um sich zu treffen. Mir fällt das in  meiner Heimatgemeinde Spital am Pyhrn auf. Hier haben die Cafés die Funktion der Gasthäuser übernommen.
Das Leben im Dorf wird immer urbaner. Auch die Tankstellen funktionieren als Wirtshausersatz.

Warum hat in den 70er- und 80er-Jahren das Wirtesterben eingesetzt?
Die Wohnmöglichkeiten sind besser geworden.  Das Wirtshaus war ein Wohnungsersatz. Knechte  haben kaum etwas gehabt außer ein kleines Zimmer. In der bäuerlichen Kultur sind die Menschen nach der Arbeit eben zum Wirt gegangen und haben getrunken und Karten gespielt. Dort konnten sie sich erholen. Heute gibt es einen Fernseher.

War das Gasthaus auch ein Ort, wo Geheimnisse besprochen  wurden?
Früher wurden   dort  Informationen ausgetauscht. Das Gasthaus war ein Ort der Rebellion und mit dem Wirt wurden Sachen ausgeheckt. Nicht umsonst ist die  Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Hainfeld in einem Wirtshaus  gegründet worden (Auch die  oberösterreichische Sozialdemokratische Partei wurde  am 22. November 1891 im Linzer Gasthaus „Zum Goldenen Hirschen“ ins Leben gerufen, Anm.).

Es heißt, dass sich die Jugendlichen wieder verstärkt an die traditionellen Werte orientieren. Wird es in der Zukunft zu einer Renaissance der Gasthäuser kommen?
Ob die Jugend mehr dorthin geht, weiß ich nicht. Bier wird zwar immer noch getrunken, aber meist genügt ein Gasthaus im Ort. In früheren Zeiten waren es vier bis fünf.

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(kurier) Erstellt am
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