Chronik | Oberösterreich
04.06.2017

Bauernkrieg "nicht gerechtfertigt"

Der evangelische Superintendent hält den Aufstand der Bauern aus christlicher Sicht für falsch.

Gerold Lehner (54) ist Superintendent der evangelischen Kirche in Oberösterreich. Die Protestanten begehen heuer das Jubiläum 500 Jahre Reformation. Am Donnerstag, den 15. Juni, feiert die Evangelische Kirche in der Linzer Innenstadt den oö. Kirchentag. Unter dem Motto: "Ich kann nicht anders ... sonst platze ich!"

KURIER: Morgen, am Pfingstmontag, feiern Sie gemeinsam mit Bischof Manfred Scheuer auf dem ehemaligen Hof des Bauernführers Stefan Fadinger (1585–1626) in St. Agatha einen ökumenischen Gottesdienst. Warum dieser Gottesdienst? Gerold Lehner: Normalerweise findet dieser Gottesdienst auf der Schaumburg statt, deren Turm aber momentan renoviert wird.

Das hat doch eine Symbolkraft. Fadinger war Protestant, er war ein Rebell, ein Aufständischer. Oberösterreich war zu dieser Zeit zu 80 Prozent protestantisch. Wie sehen Sie Fadinger?

Ich sehe ihn ambivalent. Einerseits war die soziale Lage der Bauern schlecht. Das, was die Fürsten, der Staat, die Verwaltung und auch die Klöster aufgewendet haben, hat man sich in hohem Maße bei den Bauern geholt. Andererseits ging es um den Widerstand gegen die Rekatholisierung. Zwar hatte der protestantische Adel Sympathien für die religiösen Anliegen, aber unterstützt hat man die Bauern nicht.

Ausgelöst wurde der Aufstand durch das Frankenburger Würfelspiel 1625, wo die Bauern die zwangsweise Einsetzung eines katholischen Pfarrers abgelehnt haben und der bayerische Statthalter Adam Graf Herberstorff 17 Bauern hängen ließ. Das war religiöser Widerstand.

Diese Komponente war mit dem Aufstand eindeutig verbunden, weil er sich gegen die gegenreformatorischen Maßnahmen und gegen die bayerische Besatzung gerichtet hat.

Aber wir befinden uns christlich gesprochen an dieser Stelle in einem Zwiespalt. Einerseits ist die Reaktion völlig verständlich und wir empfinden sie als berechtigt. Andererseits gilt im Kern des christlichen Glaubens ein anderes Ethos. In der Bergpredigt wird gesagt, Du sollst Deinen Feind lieben. Und wer Gewalt ausgesetzt ist, der soll auch noch die andere Wange hinhalten.

War das nicht Notwehr?

Wo fängt Notwehr an und wo hört sie auf? Was ist Notwehr? Ist es unmittelbare Notwehr, Städte zu belagern, Klöster zu plündern? Ich weiß, dass ich hier auf protestantischer Seite einen sensiblen Punkt berühre, aber es bleibt von der Wertung her eine schwierige Geschichte. Was ich politisch rechtfertigen kann und nach unserem heutigen Rechtsempfinden als legitim ansehe, ist deshalb noch nicht christlich gerechtfertigt.

Luther hat sich von den Bauernaufständen in Deutschland distanziert. Halten Sie seine Entscheidung für richtig?

Er ist, bei aller Sympathie für die Bauern, über den Aufstand, über die Grausamkeit und den Umsturz der sozialen Ordnung erschrocken. Da hat er die Grenze gezogen und gesagt, es gibt eine Ordnung und eine Obrigkeit. Er hat gemeint, es sei christlich von Übel, sie zu stürzen. Er hat in der Folge schlimme Aussagen getroffen und die Fürsten zum harten Handeln gegen die Bauern aufgerufen. Das hat man Luther später in der DDR sehr übel genommen. Dort hat man Thomas Müntzer (1489–1525, Theologe und Revolutionär, Anm. d. Red.) zum Sozialrevolutionär stilisiert. Noch einmal: Ich verstehe die Reaktion der Bauern und Stefan Fadinger war für sie wichtig. Aber eine Identifikationsfigur im christlichen Sinne ist er nicht. Keiner kann das sein, der Gewalt anwendet. Wenn im Zuge der Rekatholisierung katholische Pfarrer angegriffen, verletzt und auch getötet worden sind, ist und bleibt das Schuld und Sünde.

Wie sehen Sie den 30-Jährigen Krieg (1618–1648), der ein Religionskrieg war?

Dieser Krieg hatte, besonders zu Beginn, eine starke religiöse Komponente, aber in ihm waren noch viele andere Kräfte und Interessen wirksam. Aber er kam zum Ausbruch, weil die mittelalterliche Gesellschaftsordnung, die eine "christliche " war, auf Dauer damit nicht umgehen konnte, dass sich zwei "Christentümer" gegenüberstanden, die einander das Christsein abgesprochen haben. Weder religiös noch politisch hat man dafür eine Lösung gefunden, sodass eine Langzeitfolge des Kriegs die Entwicklung des säkularen, weltanschaulich neutralen Staates war, der den Frieden über die Frage nach der Wahrheit gestellt hat.

Die Kirchen konnten die Verquickung der Wahrheits- mit der Machtfrage nicht auflösen. Christlich wäre die kritische Frage zu stellen, ob es legitim ist, den religiösen Anspruch mit Macht durchsetzen zu wollen. Die frühe Kirche hat, weil sie keine Macht hatte, auf den politischen Druck des römischen Reiches mit der Bereitschaft zum Martyrium reagiert. Wäre das nicht die christlichere Antwort gewesen?

Sie bevorzugen das Martyrium?

Zu sagen, "ich bevorzuge das Martyrium", wäre vermessen. Aber wenn wir fragen, was das Christentum ausmacht, können wir nicht sagen, wir folgen grundsätzlich Jesus nach, aber wenn es wehzutun beginnt, dann reagieren wir wie üblich mit Gewalt auf Gewalt. Wenn uns jemand etwas wegnimmt, bekommt er unsere Faust zu spüren. Als Franz von Assisi beim Bischof eingeladen war, und der sagte, es scheint mir schwer zu sein, nichts zu besitzen, da antwortete Franziskus ihm: Würden wir etwas besitzen, müssten wir unseren Besitz verteidigen. Wir bräuchten Waffen, um das durchzusetzen und würden in endlose Streitigkeiten verwickelt. Letztlich bedeutet das Krieg. Der Verzicht auf Besitz hebelt diese Dynamik aus.

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Was ist der Heilige Geist?

Bevor man dogmatisch nach Definitionen fragt, sollte man sehen, was der Geist bewirkt. Er hat in Bezug auf eine Gruppe verängstigter Jünger, die hinter verschlossenen Türen gesessen sind, bewirkt, dass sie die Türen aufgemacht haben. Er hat sie hinausgetrieben und sie haben mit Freude von diesem Gekreuzigten und Auferstandenen geredet. Sie haben in der Folge eine Grenze nach der anderen überschritten. Geografisch wie soziologisch. Paulus schrieb daraufhin: Da ist weder Mann noch Frau, weder Freier noch Sklave, sie sind alle einer in Christus. Man kann das Christentum nicht erklären, wenn man nicht den Geist in Rechnung stellt, den man nie verorten kann, der immer ungreifbar ist und doch wirkt. Ohne den diese Geschichte von der Wirkung her unverständlich ist.

Am kommenden Freitag findet wieder die Lange Nacht der Kirchen statt. Was bedeutet sie für die evangelische Kirche?

Sie ist für beide Kirchen etwas ganz Spannendes. Es ist das gelungene Modell, die Kirchen zu öffnen. Wir laden ein als wäre die Kirche eine Art Kaffeehaus, in das man hineinschnuppert, sich kurz hinsetzt, die Atmosphäre aufnimmt und dann auch wieder gehen kann. Wir zeigen etwas her, was uns etwas bedeutet, wir machen Räume sichtbar, Räume, in denen man nicht konsumieren muss, in die man einfach hineingehen kann und die in ihrer Atmosphäre etwas vermitteln. Die Menschen können einfach kommen, sie sind eingeladen, wir wollen nichts von ihnen. Das funktioniert ganz erstaunlich. Die Innenstadt hat in dieser Nacht, so sagen viele, ein anderes Flair.

Wie hat sich das Reformationsjubiläum bisher entwickelt?

Sehr gut. Mit einer erstaunlichen Offenheit und Neugier. Das hat ganz viel mit unserer Schwesterkirche zu tun. Ich bin bei vielen katholischen Veranstaltungen eingeladen und es gibt viele gemeinsame Veranstaltungen. Wir können einander unverkrampfter und freier wahrnehmen. Die Reformation ist heute auch in vielerlei Hinsicht in der katholischen Kirche angekommen und rezipiert.