© Jürg Christandl

Chronik Oberösterreich
12/05/2011

"Arschauswischer der Nation"

Pflegeberufe gelten oft als anstrengend und schlecht bezahlt. Das muss sich grundlegend ändern, fordern Experten.

von Daniel Voglhuber

Wenn die Generation der Babyboomer wegen voranschreitenden Alters hilfsbedürftig wird, droht ein Pflegenotstand. Zudem treten in den nächsten zehn Jahren viele Alten- und Behindertenbetreuer ihren Ruhestand an. Vertreter von Pflegediensten schlagen Alarm: Berufe in dem Bereich müssen deutlich attraktiver gemacht werden, um mehr neue Mitarbeiter zu bekommen. Derzeit haben diese Tätigkeiten nämlich ein eklatantes Imageproblem. Das war der allgemeiner Tenor bei der Podiumsdiskussion "Spannungsfeld Pflege" am Donnerstag im Linzer FortBildungszentrum Elisabethinen, das von der Hypo-Bank Oberösterreich veranstaltet wurde.

"Ein Beruf in diesem Bereich wird oft als Hilfsarbeiterjob angesehen. Die Gesellschaft sagt, eine Pflegeausbildung kann man schnell machen", beklagte Günther Wesely, Leiter der Personalentwicklung im Evangelischen Diakoniewerk Gallneukirchen. Außerdem störe ihn sehr, wenn gesagt werde, Menschen sollen nach einer Gesetzesübertretung einen sozialen Dienst im Altersheim ableisten. "Niemand käme auf die Idee zu fordern, diese Personen sollten die Strafe bei einer Bank abarbeiten." Zudem gebe es zu wenig Karrierechancen für Pflegekräfte, wodurch ihnen auch Perspektiven fehlen würden.

Akademiker

Dieser Meinung war auch Waltraud Schwarz, Leiterin der Pflege und Betreuung bei der Volkshilfe. "Es braucht eine andere Ausbildung, vom Schulmodell bis zur Akademisierung ist alles denkbar. " Karl Lehner, Vorstandsmitglied der Oberösterreichischen Gesundheits- und Spitals AG (gespag), verwies auf ein Ausbildungsmodell beim öffentlichen Krankenhausträger,bei der die angehenden Pflegekräfte in sechs Semestern ihr Diplom erhalten und nach sieben Semestern einen Bachelor-Abschluss in der Tasche haben. Die angebotenen Kurse seien innerhalb kürzester Zeit ausgebucht gewesen.

Allerdings bemerkte er auch: "Auf der Spitalsebene wird es eher weniger Probleme geben, Personal zu finden. Wenn aber im Vorfeld, zum Beispiel in Pflegeheimen, Leute fehlen, dann wird es schwierig, weil die Patienten ins Krankenhaus kommen."

Wenig Selbstbewusstsein

Den Ruf seiner Diskussionspartner nach mehr Anerkennung teilte auch der Theologe und Philosophieprofessor Clemens Sedmak. Er verwies in dem Zusammenhang auf das Buch "Abgezockt und totgepflegt" von Markus Breitscheidel. Der Autor hatte undercover in deutschen Pflegeheimen gearbeitet und von wenig Selbstbewusstsein der Pflegekräfte berichtet. Diese würden sich als "Arschauswischer der Nation" sehen. Die Wertschätzung für die Mitarbeiter wäre vor allem durch höhere Monatsgehälter gewährleistet. "Es gibt keine Alternative zu einer Gehaltserhöhung."

Vorsorge

Im gleichen Atemzug sprach sich der Professor bedingungslos für ein höheres Pensionsantrittsalter und auch für eine Pflegesteuer oder einen Pflegefonds aus, damit die Kosten auch finanzierbar bleiben. Außerdem plädierte er für mehr Eigenverantwortung. Es soll sich niemand denken, der mit 82 Jahren zu einem Pflegefall wird "ups, ich bin jetzt ein Pflegefall und habe nicht vorgesorgt."

Schwarz (Volkshilfe) zog zur Frage der Finanzierung der zukünftig stark ansteigenden Pflegekosten eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstitutes (WIFO) heran. "Bis zum Jahr 2030 werden um vier Milliarden Euro mehr benötigt. Mit einer Vermögenssteuer würde man diesen Betrag wieder einnehmen."

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