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Häfenreport
11/01/2012

Wo Sextäter Zwiebeln sortieren

Einem Vergewaltiger bleibt das Gefängnis erspart, entschied das Höchstgericht. Lokalaugenschein in Sonnberg.

von Ricardo Peyerl

Das Entengeschnatter, das vom Schlossteich durch die dicken Mauern dringt, könnte idyllisch wirken. Aber wir befinden uns in der Justizanstalt Sonnberg, NÖ, in der mehr als 350 Strafgefangene einsitzen, darunter 81 Sexualstraftäter. Zwei Drittel davon haben ihre eigenen oder fremde Kinder missbraucht, der Rest sind Vergewaltiger. Solche Täter stehen in der internen Häfenstruktur ganz unten. Nur der Umstand, dass sie so viele und damit vielfach unter sich sind, schützt sie vor Repressalien der Mithäftlinge.

Emotionen  

Am Mittwoch hat der Verwaltungsgerichtshof entschieden, dass so jemand (der ehemalige Hundetrainer B. aus Salzburg) seine Strafe im elektronisch überwachten Hausarrest verbüßen darf, weil er seit seiner Verurteilung vor fünf Jahren nicht mehr aufgefallen ist. Dafür gab es gestern, Donnerstag, seitens der SPÖ, der FPÖ und des BZÖ heftige Kritik. Justizministerin Beatrix Karl will, dass sich Sextäter ab 1. 1. 2013 die Haftstrafe zumindest nicht mehr ganz ersparen. Aber für alte Fälle gilt die neue Regelung nicht. Gefängnischef Oberst Thomas Binder hätte kein Problem damit, einem Sextäter bei Erfüllung aller Voraussetzungen inklusive sicherer Prognose die Fußfessel zu genehmigen. Dass bei diesem emotionalen Thema die Wogen hochgehen, kann er nachvollziehen. „Aber dazu gibt es ja Richter, um die Täter vor Rache zu schützen.“

Bei der Bevölkerung werde auch die vorzeitige bedingte Entlassung (2011 wurde sie hier in 12 Fällen gewährt, heuer bisher in neun) als Belohnung wahrgenommen. Für Binder ist sie viel mehr Kontrolle: „Der wird zwar ein halbes Jahr früher entlassen, dafür steht er drei bis fünf Jahre unter Betreuung der Bewährungshilfe und muss alle 14 Tage zur Therapie.“
Der Rückfall von Sextätern mit vier Prozent bei Therapie und acht Prozent ohne ist relativ niedrig. Binder macht sich mehr Sorgen um die Dunkelziffer, laut Experten zehn Mal so hoch. „Vieles wird gedeckt, fliegt nie auf, weil es in der Familie passiert. Manche Mütter müssen sich weniger fürchten, wenn ihr Kind am Spielplatz ist, sondern mehr daheim, wenn es beim (Stief-)Vater oder Betreuer ist.“

Im Gefängnis sind die Sextäter „unter Anführungszeichen angenehme“ Insassen, weil sie selten Drogen- oder Alkoholprobleme haben und beruflich ausgebildet sind. Beschäftigt werden sie wie die anderen damit, Zwiebeln und Knoblauch für die Supermärkte in Netze zu sortieren, Bleigewichte an Angelhaken zu befestigen oder den Computerführerschein zu absolvieren. Allerdings ohne freien Internetzugang. Auch Pornofilme sind untersagt. Dafür dürfen die Gefangenen Video­botschaften für ihre Familien daheim filmen.

Keine Lust 

Das Sex-Kontaktmagazin ÖKM – ohne die Bonus-CD mit Trailern – ist das einzige Zugeständnis an die Sexualität. Warum so prüde? Binder: „Bei Sexfilmen ist Gewalt oft Thema, da wollen wir gleich eine Grenze ziehen. Und ich hab’ nicht die Zeit – und Lust – mir das alles anzuschauen und auszufiltern.“ Dass Sex in den 120 Einzel-, 48 Zwei-Mann- und einigen Drei-Mann-Zellen ein Tabu sei, glaubt freilich niemand. Bei Strafantritt fasst jeder ein Carepaket mit Präservativen aus.

Die meisten Häftlinge dürfen sich in ihrem Trakt bis 19 Uhr frei bewegen. Ein Schloss an der Zellentür ist für sie versperrbar, um ungestört zu sein, ein zweites wird in der Nacht von der Justizwache abgeschlossen.
Jeder, der eine Gesprächstherapie braucht und will, bekommt sie. Eineinhalb Stunden pro Woche, mit Therapeuten, die von außen kommen, das muss für die „Änderung des Verhaltens“ reichen. „Heilung ist nicht das Ziel“, sagt Anstaltspsychologin Michaela Hapala. Wer seine Schuld partout nicht erkennen will, ist nicht therapierbar und sitzt die Strafe bis zum letzten Tag ab. Dann muss ihn Binder gehen lassen – mit Bauchweh.
 

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