Lasermessung am Rohrer Berg

© KURIER/Patrick Wammerl

Niederösterreich
08/10/2016

Touristen sorgen für neuen Temporausch in der Kalten Kuchl

Die Bikerstrecke ist beliebter denn je. Die Polizei hat alle Hände voll zu tun, um zu disziplinieren.

von Patrick Wammerl

"An schönen Wochenenden ist es am Schlimmsten. Pro Stunde kommen hier 100 Motorräder und mehr vorbei." Wenn Klaus Schwaiger von der Polizeiinspektion Pernitz (NÖ) von weitem den Motor einer schweren Maschine aufheulen hört, geht er mit seiner Laserpistole am Rohrer Berg in Stellung. Obwohl auf der wohl berühmtesten aber auch berüchtigtsten Motorradstrecke Niederösterreichs, der Kalten Kuchl, seit elf Jahren Tempo 70 für Biker gilt, scheint das noch nicht in allen Köpfen unter den Motorradhelmen angekommen zu sein. "Der traurige Rekord lag genau hier bei 229 km/h bergauf; das war ein Mann mit seiner Frau am Sozius", sagt Schwaiger.

Seit die Hausstrecke der Niederösterreicher und Wiener auch von slowakischen und ungarischen Ausflugs-Touristen als Bike-Dorado entdeckt wurde, fühlen sich viele Anrainer, als hätten sie den Moto-GP-Zirkus jedes Wochenende live vor ihrer Haustür. "Wir müssen laufend Schwerpunktkontrollen machen, sonst artet es aus", sagt Polizist Ernst Krojer.

Alleine vergangenes Wochenende setzte es 29 Organmandate und drei Führerscheinabnahmen – ein Biker wurde mit 135 km/h und zwei mit 141 km/h geblitzt. Auch bei einem KURIER-Lokalaugenschein Dienstagvormittag dauert es nicht lange, bis die ersten Tempobolzer angehalten werden – ein Ungar mit 105 und ein Niederösterreicher mit 115 km/h. Einsichtig zahlen die Beiden ihre Strafe. Das ist aber nicht immer so. "Wir haben Motorradfahrer, die ohne Führerschein und Kennzeichen versuchen, vor uns davonzufahren. Es wird auch mit Tricks gearbeitet. Der neue Schmäh ist, das Kennzeichen waagerecht zu montieren, damit man es nicht ablesen kann", erzählt Krojer.

Laut den Polizisten wird auch bei den Motorrädern deutlich aufgerüstet. Die Maschinen werden immer leistungsstärker, außerdem werden viele technische Veränderungen vorgenommen – oftmals illegal: "Der Schalldämpfer im Auspuff wird entfernt. Das bringt mehr Leistung und ist höllisch laut", schildern die Beamten. Auch diese Verfehlungen werden mit Strafen geahndet. Deshalb ist auch der Technische Prüfzug der nö. Landesregierung im Sommer regelmäßig zu Kontrollen in der Kalten Kuchl.

Wirtschaftszweig

Wie interessant der Motorradmarkt auch für die Wirtschaft ist, zeigen Interventionen der Sparte "Fahrzeughandel" der Wirtschaftskammer. Nicht erst einmal hat die Kammer als Biker-Lobby bei der Behörde um eine neuerliche Überprüfung ersucht, ob die 70 km/h-Beschränkung in der Kalten Kuchl nach so vielen Jahren überhaupt noch gerechtfertigt ist.

Dieses Argument war auch beim Lokalaugenschein aus dem Mund eines Motorradfahrers aus Höflein an der Hohen Wand zu hören: "Wenn ich brav meinen 70er fahre ist es so, dass die Autolenker dahinter ungeduldig werden und Druck machen. Sie dürfen ja mit 100 km/h unterwegs sein. Das führt zu brenzligen Situationen", erklärt Ossi Steiner.

Die Polizei hat diesbezüglich eine andere Sicht der Dinge: "Wenn Tempo 70 erlaubt ist, fahren die meisten 90, 100 oder sogar mehr. Wenn 100 erlaubt ist, liegt die Geschwindigkeit schon jenseits von 130 km/h."

Die Unfallzahlen und der Blutzoll auf der berüchtigten Bikerstrecke sind nach wie vor hoch: Heuer wurden schon zahlreiche Motorradfahrer schwer verletzt. Zuletzt passierte am 19. Juni in Rohr im Gebirge ein Horror-Crash mit zwei Bikern: Ein 25-Jähriger aus dem Bezirk Neunkirchen und ein 39-jähriger Motorradlenker aus Wien stießen bei einem Überholmanöver frontal zusammen. Für beide war es ihre letzte Ausfahrt.

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