Rettungsdienste operieren künftig in acht verschiedenen Regionen.

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Gesundheit
02/20/2016

Totaler Neustart beim Notarzt-System

Statt 32 Stützpunkten gibt es in NÖ künftig acht Versorgungsregionen. Betreiber dafür werden EU-weit gesucht.

von Matthias Hofer

Debatten um die Finanzierung des Rettungswesens waren in der Vergangenheit stets Zitterpartien. Am Notarztsektor zieht Niederösterreich jetzt einen Schlussstrich. Nicht weniger als die größte Reform der zweiten Republik stellt die Notfallversorgung des Landes auf völlig neue Beine.

Aktuell betreibt das Land 32 Notarzt-Stützpunkte quer durch Niederösterreich. Für jeden davon gibt es einen Vertrag entweder mit dem Roten Kreuz oder Samariterbund. Diese Struktur gewährleistete bisher, dass rund 95 Prozent der Haushalte innerhalb von 20 Minuten von einem Notarzt zu erreichen waren. Zuletzt finanzierte Niederösterreich diese Notfall-Versorgung mit 13 Millionen Euro pro Jahr. Die Verträge mit den Rettungsdiensten laufen Ende 2016 aus.

Ab 2017 ist alles anders: Das Land wird in acht Versorgungsregionen eingeteilt (siehe Grafik). Wer in diesen Regionen die Notarztversorgung übernimmt, das wird jetzt EU-weit ausgeschrieben. Die 20-minütige Erreichbarkeit bleibt als Vorgabe bestehen. Ebenso wird es fixe Finanzierungsbeträge geben.

Eigenverantwortung

Egal, wer am Schluss den Zuschlag für den jeweiligen Landesteil erhält – "eine Organisation hat künftig die Verantwortung für die ganze Region", sagt der für die Finanzen zuständige Landesvize Wolfgang Sobotka. Die Retter können selbst entscheiden, ob sie bestehende Strukturen nutzen oder eigene aufbauen wollen. "Die hohen Qualitätskriterien bleiben gewahrt, die Kooperation untereinander wird abgestimmter werden."

In den Landeskliniken arbeiten 332 Notärzte. Seit Jahresbeginn zählt die Nebentätigkeit als Notarzt bei einer Rettungsorganisation nicht mehr als Spitals-Arbeitszeit, sondern wird freiberuflich ausgeübt. "Die Kliniken stellen daher auch in Zukunft Notärzte zur Verfügung, wenn das von den Bietern im Rahmen der Ausschreibung gewünscht ist", sagt Spitalslandesrat Karl Wilfing.

Bei mehr als 20 Prozent aller Notfall-Einsätze ist ein Notarzt dabei. Jährlich verzeichnen Niederösterreichs Retter 24 Einsätze pro 1000 Einwohner. Für rund 39.000 Landesbürger steht jeweils ein Notarzt zur Verfügung.

Teil der Ausschreibung, die Anfang März startet, wird auch die überregionale Versorgung über Landesgrenzen hinaus sein. Aktuell helfen nö. Notärzte rund 400 Mal pro Jahr in anderen Bundesländern aus.

Obwohl die Ausschreibung europaweit laufen wird, rechnen Rettungsinsider nach derzeitigem Stand übrigens nicht damit, dass Organisationen aus anderen Staaten zum Einsatz kommen werden. Der Mittelaufwand für Mannschaft und Gerät, die dann ja neu aufgestellt werden müssten, sei vermutlich zu groß.

Erster Hubschrauber für Nachteinsätze

"95 Prozent der Niederösterreicher werden in längstens 20 Minuten, im Notfall, versorgt", sagt Gesundheitslandesrat Maurice Androsch. "Diese Parameter möchten wir auch in Zukunft gewährleistet wissen." Im Vorjahr lag die durchschnittliche Zeit bis zum Eintreffen eines Notarztes übrigens bei 12:40 Minuten und damit deutlich unter den Vorgaben.

Ergänzt wird diese Struktur ab 2017 durch ein neues Pilotprojekt für Niederösterreich. Waren Nachteinsätze für Rettungshubschrauber bisher nicht möglich, wird Christophorus 2 – stationiert in Gneixendorf im Bezirk Krems – künftig rund um die Uhr in Betrieb sein.

Möglich macht die Nachtflüge eine moderne Spezial-Brille, so genannte "Night Vision Goggles", für den Piloten. Die Sehhilfe, die österreichweit erstmals zum Einsatz kommt, liefert mittels einer Phosphor-Linse detaillierte grün-weiße Bilder.

Zusätzlich werden die Notarzthubschrauber mit neuen Instrumenten aufgerüstet. Androsch ist überzeugt: "Dieser Pilotbetrieb wird eine wesentliche Verbesserung der notärztlichen Erstversorgung bei Nacht in einem flächenmäßig großen Bundesland wie Niederösterreich bedeuten und definitiv eine wesentliche Unterstützung für den bodengebundenen Notarztdienst sein."

Einsatzleiter

Zur Koordination bei Einsätzen mit mehreren Fahrzeugen setzt der Samariterbund in der Landeshauptstadt ab sofort den neuen "Rettungsdienst-Einsatzleiter" ein. Bei Einsätzen in St. Pölten mit mehr als drei Notfallpatienten oder ab drei Rettungsautos hat künftig ein "ELRD" das Sagen. Er ist Ansprechpartner des Rettungsdienstes für alle beteiligten Einsatzkräfte, inklusive Polizei und Feuerwehr.