© FREMD/Stadtgemeinde Tulln Lackinger

Streit um heiße Luft
01/23/2015

Schiele-Erbe soll "über Schatten springen"

Werner Gradisch droht, seine wertvollen Leihgaben zu entziehen. Die Stadt fordert sein Einlenken.

von Julia Schrenk, Michael Huber

Das ist ein Streit um des Kaisers Bart", sagt Willi Stift. Der Altbürgermeister der Stadt Tulln hat das Schiele-Museum initiiert. Dass es jetzt wegen eines kuriosen Konflikts zwischen der Stadt und dem Schiele-Erben Werner Gradisch womöglich schließen muss, will er nicht hinnehmen. Wie berichtet, will Werner Gradisch dem Schiele-Museum seine Leihgaben entziehen, weil die Stadt ihn wegen eines ausständigen Rauchfangkehrer-Gutachtens anzeigte. Gradisch hatte die Dichtheitsprobe des Abzugs seiner Therme als Sachverständiger selbst durchgeführt und kein Rauchfangkehrer-Attest vorgelegt. "Die Gemeinde muss alles Erdenkliche versuchen, um da auf einen grünen Zweig zu kommen. In dem Projekt steckt mein Herzblut", sagt Stift.

Zehn Jahre habe es laut dem Alt-Bürgermeister gedauert, bis das Museum 1990 im ehemaligen Tullner Bezirksgefängnis eröffnet werden konnte. Dass die Privatsammlung von Werner Gradisch wegen des Streits künftig womöglich in einem geplanten neuen Museum in Krems ausgestellt wird, kann er nicht gutheißen: "Der Schiele war halt nun einmal ein Tullner und kein Kremser", sagt Stift.

Prägende Kindheit

Mit der Überführung des Schiele-Museums in die nö. Museum BetriebsgmbH. im Jahr 2011 habe sich auch der Fokus der Aktivitäten verlagert, erklärt Carl Aigner, Direktor des NÖ Landesmuseums und künstlerischer Leiter des Schiele-Museums. "Bei der Gründung 1990 war das Haus als Dokumentationszentrum gedacht, da gab es noch kein Leopold-Museum und keine Neue Galerie in New York", sagt Aigner. "2011 war diese Dokumentation so nicht mehr nötig. Da ist die Entscheidung gefallen: Es geht in dem Haus in authentischer Weise um die Frühzeit Schieles, weil er in Tulln maßgeblich geprägt worden ist. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen."

Trotzdem würde es der aktuelle Bürgermeister der Stadt Tulln, Peter Eisenschenk, darauf ankommen lassen und eben "andere Bilder" in dem Museum ausstellen. "Was soll ich dem Herrn Gradisch anbieten? Er muss dieses Gutachten bringen. Das kostet eh nur 60 Euro."

Vorschrift

"Bau- und feuerpolizeiliche Vorschriften muss jeder Bürger einhalten", sagt Eisenschenk und verweist auch auf ein Schreiben der Abteilung Bau- und Raumordnungsrecht des Landes Niederösterreich, wonach bei der "Aufstellung eines Wärmeerzeugers" die "Befundvorlage" eines Rauchfangkehrers einzuholen sei und es "hievon keine Abweichmöglichkeit" gebe. "Die optimale Lösung wäre, wenn Herr Gradisch über seinen Schatten springt und das Gutachten nachbringt", sagt der Bürgermeister.

Wichtiger Blick in Schieles Frühzeit

"Die Sammlung Gradisch (...) gibt den tiefsten Einblick in Schieles frühes Schaffen und geht als einzige im Familienbesitz verbliebene Kollektion direkt auf die Hinterlassenschaft von Schieles älterer Schwester Melanie zurück." Das schrieb der Kunsthistoriker Christian Bauer, Kurator des Schiele-Museums Tulln, in der großen Publikation "Egon Schiele – der Anfang", die 2013 erschien. Für das Tullner Museum sei Gradischs Sammlung "unverzichtbar", so Bauer.

39 Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde aus der Zeit von 1900 bis 1909 bilden laut Publikation den bildnerischen Kern von Gradischs Sammlung. Neben der ältesten erhaltenen Zeichnung eines Zugs (1900) finden sich in dem Bestand auch ein imaginärer Stadtplan, Landschaftsbilder und Porträts, die u.a. Schieles Schwester oder seinen Onkel Leopold Czihaczek zeigen. Auch Studien aus Schieles Akademiezeit gehören zur Kollektion.

Vieles entspricht nicht jenen "typischen" Schiele-Bildern, die am Markt Millionenpreise erzielen. Doch gemeinsam mit den umfassenden Archivmaterialien bilden Gradischs Bestände eine wertvolle Ressource, um Schieles künstlerischen Weg nachzuzeichnen. In Kunstkreisen ist von einem Gesamtwert um die 2,5 Millionen Euro die Rede.

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