Römer-Achterl und Cyber-Rebensaft

Bei der Ernte sind die Trauben noch alle gleich. Die Art und Weise wie die Winzer daraus flüssige Kostbarkeiten entstehen lassen, unterscheiden sich jedoch grundlegend.
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Bei der Vermarktung ihrer edlen Tropfen setzen die heimischen Winzer immer wieder neue Maßstäbe.

Beide Winzer leben ihre Leidenschaft für ausgezeichneten Wein. Doch im Marketing gehen sie Wege, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Während der eine sich der Antike verschrieben hat, setzt der andere aufs Computerzeitalter.

Franz Landauer-Gisperg zählt zu den experimentierfreudigsten Winzern der Thermenregion. Der Rotweinspezialist aus Tattendorf geht in der Herstellung neue Wege. "Alles hat 2004 als Spinnerei begonnen", erinnert er sich. Damals kam er erstmals mit Amphorenwein in Kontakt und war sofort von der traditionellen Herstellungsweise begeistert. "Der Geschmack dieses Weins charakterisiert die Ursprünglichkeit der Rebe, des Bodens und der Region. Ein einzigartiger Stil."

Der Weg von der ersten Begeisterung bis zum fertigen Wein sollte ein langer werden. Nach erfolgreich absolvierten Bio-Lehrgängen begann die Suche nach den passenden Amphoren. "Wir haben ganz Europa drei Jahre lang abgegrast", schildert Landauer-Gisperg. "Keiner der Winzer wollte seinen Amphoren-Produzenten nennen." Und auch der Tattendorfer Wein-Traditionalist bildet keine Ausnahme, hütet das Geheimnis der bis zu 800 Liter fassenden Tongefäße.

2009 vinifizierte er schließlich die ersten Trauben nach der antiken Methode und war mit der fruchtigen Rotwein-Cuvée hoch zufrieden. Neben dem Produkt wurde auch auf das passende Marketing Wert gelegt. So ziert der Teppich von Bayeux das Flaschen-Etikett. Der aus dem 11. Jahrhundert stammende Teppich ist im Original 68 Meter lang und zeigt Szenen rund um die Eroberung Englands. "Im 11. Jahrhundert begann in unserer Region der Weinbau. Eine schöne Symbolik."

Kremstal

Franz Türk gehört zu den Topwinzern des Weinbaugebietes Kremstal. Seit Jahren sind seine Weine hoch dekoriert; er verkauft international. Sein Faible für moderne Technik kommt in der Weinherstellung allerdings nur äußerst vorsichtig zum Tragen. "Hier ist weniger mehr, der große Wein entsteht im Weingarten", betont Türk. Aber überall, wo Abläufe vereinfacht werden, stürzt er sich mit verspielter Freude auf Neues.

"Ich war einer der ersten, der die Türglocke auf Handy umgeleitet hat. Damit habe ich vor vielen Jahren verblüfft", sagt er. Auch Weingartengerätschaft hat er schon vor Jahrzehnten umgebaut und Spezialanfertigungen hergestellt, die erst viel später für alle auf den Markt kamen. Bei seinen Reisen ist sein Laptop online mit dem Desktop auf dem heimischen Computer verbunden. "Meine Frau muss auf dem gleichen Stand sein, wenn sie daheim etwas macht", ist er überzeugt.

Sein neuester Coup: Als einer der ersten Winzer kennzeichnet er seine Bouteillen mit einem sogenannten QR-Code. Das quadratische Grafiksymbol bietet dem Interessierten über ein dafür befähigtes Handy ein vielfaches der Information, die auf einem Etikett Platz hätte. Entweder Türks Visitenkarte oder seine ganze Homepage.

"Damit weiß ein Kunde alles über den Wein und kann auch alles über unseren Betrieb nachlesen", erklärt Türk. Und ergänzt: "Aber das macht mir schon ein Techniker, selber könnte ich das nicht programmieren. Anfangs wird der Code auf dem Flaschenhals prangen, um im Regal aufzufallen. Später soll er aufs Etikett wandern.

(kurier / Gilbert Weisbier, Philipp Kienzl, Ernst Bieber) Erstellt am
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