Purer Kampf für Weidlinger und Mayr

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Das ÖLV-Duo wollte beim 27. Wiener Marathon neue Maßstäbe setzen. Dieses Vorhaben endete in qualvollen Schmerzen.

Beide hatten beim Wien-Marathon am Sonntag österreichische Rekorde und das Unterbieten der Schallmauern von 2:10 bzw. 2:30 Stunden angepeilt. Nach 42,195 Kilometern waren Günther Weidlinger und Andrea Mayr vorrangig froh, das Ziel am Heldenplatz erreicht zu haben.

Als Zwölfter in 2:14:05 blieb der von Krämpfen geplagte Weidlinger ebenso deutlich über den von ihm gehaltenen ÖLV-Rekord von 2:10:47 wie die mental eingebrochene fünftplatzierte Mayr in 2:34:09 von ihrer rot-weiß-roten 2:30:43-Bestmarke.

Als sich Weidlinger bei Kilometer 26 an den Straßenrand setzte und zu weinen begann, schien das Rennen gelaufen. Sein Vater und Trainer Heinrich Weidlinger sowie der ungarische Manager Istvan Knipl legten dem Athleten an Ort und Stelle nahe, aufzugeben, doch Weidlinger stand auf und setzte von Krämpfen geplagt den Lauf fort.

"Die letzte Stunde war extrem hart und schmerzhaft. Solche Schmerzen hatte ich noch nie beim Laufen", gestand Weidlinger unter Tränen im Ziel. Tränen, die er während der Hälfte des Marathons zurückgehalten hatte.

"Mut zusammengenommen"

Bereits nach 15 Kilometern hatte sich in der linken Wade ein Problem bemerkbar gemacht. Dort, wo Weidlinger Mitte März einen Muskelfasereinriss erlitten hatte. Als die Schmerzen nahezu unerträglich wurden, kämpfte Weidlinger gegen den Gedanken aufzugeben. "Ich bin am Boden gelegen und dann sagte ich mir: Günther, du kannst das Rennen nicht aufgeben. Nicht dein Heimrennen, nicht hier in Wien. Du willst an der Oper vorbei, willst die Zuschauer sehen. Ich habe den ganzen Mut zusammengenommen, um wieder ins Laufen zu kommen. Meine Gruppe war weg, ich musste meinen eigenen Rhythmus finden und alleine gegen den Wind kämpfen."

Obwohl die Zeit nicht gut sei, empfinde er die erfolgreiche Bewältigung des Marathons als einen kleinen Sieg. "Es war sehr hart, vor allem die Bergaufstücke, ich konnte mit dem linken Fuß nicht mehr abdrücken. Aber wenn man 2:14 mit einem Bein lauft, dann hat man auch eine Zeit unter 2:10 drauf. Die Barriere wird sicher irgendwann fallen", hatte der 32-jährige nach seinem dritten Marathon seinen Optimismus bald wieder gefunden. Der Schmerz ist an einer etwas anderen Stelle spürbar als die alte Verletzung, nach ein paar Wochen Laufpause hofft er wieder fit zu sein. Eine genauere Untersuchung erfolgt am Dienstag.

Vater Weidlinger zog vor dem Kampfgeist seines Sohnes den Hut. "Ich sehe das Rennen mit gemischten Gefühlen. Sein Manager und ich waren der Meinung, dass er aufhören sollte. Wir haben ihm aufgeholfen und er sagte, er versucht es. Ich bin sehr stolz, dass er es probiert hat", erzählte der Senior, der seinen von Emotionen geschüttelten Schützling nach dem Rennen aufmunterte - wohl wissend, dass an diesem Sonntag trotz windiger Verhältnisse eine Zeit unter 2:10 möglich gewesen wäre: "Du hast dich voll überwunden. Das ist gut für den Kopf!"

Auf die linke Hand hatte sich Weidlinger wichtige Durchgangzeiten für einen neuen ÖLV-Rekord geschrieben, auf der rechten den Notfallplan für 2:12. Für seinen nächsten Marathon bei der EM in Barcelona wird er sich eine neue Strategie zurechtlegen, wo er vorher noch laufen wird, bleibt abzuwarten, denn vorrangiges Ziel ist die Muskelverletzung auszuheilen. "Mein Physiotherapeut denkt, dass es nicht all zu schlimm sein wird, sonst hätte ich nicht zu Ende laufen können. Aber es war ein starker Krampf, ein paar Muskelfasern haben sicher dran geglaubt." Die Teilnahme am 10-km-Straßenlauf im Mai in England, an dem auch Haile Gebrselassie teilnehmen wird, wird er vorerst nicht streichen.

"Kampf gegen mich selbst"

War Weidlinger nach seinem Debüt vor einem Jahr in Wien dann im Frankfurt ÖLV-Rekord gelaufen, so hatte sich für Mayr bewahrheitet, was oft gesagt wird: Der zweite Marathon ist der schwierigste. "Laut Tabelle war ich bis Kilometer 30 noch voll auf Rekordkurs, das hat mich gewundert, denn mir ist es ab Kilometer 10 nicht mehr gut gegangen. Heute war ein absoluter Kampf gegen mich selbst. 32 Kilometer lang habe ich gegen das Aufhören gekämpft. In Anbetracht dessen ist es ein echter Erfolg, dass ich jetzt im Ziel bin." Zusätzlich zu den mentalen Problemen fühlten sich auch die Beine nicht gut an. "Leider, oder eigentlich Gott sei dank, ist man keine Maschine."

Mit 2:34:09 verbesserte Mayr um exakt eine Sekunde die von Linz-Siegerin Eva Maria Gradwohl gehaltenen österreichische Jahresbestzeit. Beide Läuferinnen sind damit für Barcelona qualifiziert, Mayr will für Spanien aber die Qualifikation über 10.000 m oder den Hindernislauf schaffen. "Ich bin absolut keine Hitzeläuferin, das ist nichts für mich", sagte die 30-Jährige, die ansonsten Herausforderungen nicht scheut. Montagfrüh um 7:45 Uhr tritt die Turnusärztin im Wiener Heeresspital einen mehr als 30-stündigen Dienst an.

Erstellt am 05.12.2011