Bei der Rekonstruktion wurde versucht, die Ereignisse vom 3. Juli genau nachzustellen. Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt muss entscheiden, ob der Waffeneinsatz der Beamten gerechtfertigt war.

© /Sascha Trimmel

Tatortrekonstruktion
09/12/2014

Polizeikugeln trafen Räuber neun Mal

Vier Beamte schossen auf 21-jährigen Tankstellenräuber, der mit Softgun auf sie zulief.

von Patrick Wammerl

Drei Polizisten und eine Beamtin haben insgesamt zwölf Mal auf den 21-jährigen Martin K. gefeuert. Neun Projektile aus drei Dienstwaffen trafen ihr Ziel, drei dieser Treffer waren laut Gerichtsmediziner Wolfgang Denk tödlich.

Ob der massive Waffeneinsatz der Beamten gerechtfertigt war, dem ging man am Freitag am Ort des Geschehens in Neunkirchen (NÖ) auf den Grund. Am 3. Juli ist dort auf der Bundesstraße 17 nach einer wilden Verfolgungsjagd jener 21-Jährige gestoppt worden, der zuvor versucht hatte in Wiener Neustadt mit einer Waffe in der Hand eine Tankstelle zu überfallen (der KURIER berichtete). Bei der Tatortrekonstruktion demonstrierten die beteiligten Beamten, wie es zu den tödlichen Schüssen kam.

"Hände hoch! Lass deine Hände in der Luft", schrie einer der Beamten den jungen Mann durch das Fenster auf der Fahrerseite an. Die Dienstwaffe war im Anschlag auf Martin K. gerichtet. Obwohl die Polizisten den 21-Jährigen von allen Seiten anschrien, er solle endlich aufgeben, soll der junge Mann zu seiner täuschend echt aussehenden Softgun gegriffen haben und mit der Waffe im Anschlag auf der Beifahrerseite ausgestiegen sein. "Er hat beim Aussteigen sogar mit der Waffe geschossen und damit weiter auf die Beamten gezielt", erklärt Nikolaus Rast, Verteidiger der Polizisten, die die Schüsse abgaben. Das Verhalten seiner Mandanten bezeichnet Rast als korrekt. Der Täter hätte es darauf angelegt, erschossen zu werden.

Warum die Polizisten gleich zwölf Mal feuerten, erklärten sie so: Die ersten Treffer zeigten keine Wirkung und Martin K. sei schnurstracks weiter auf sie zugegangen. Rast macht die "Mickey-Mouse-Munition" der Exekutive dafür verantwortlich. "Diese vielen Schüsse und Treffer würde es nicht geben, wenn die Polizei endlich mannstoppende Munition anschafft."

Cannabis

Entgegen anders lautender Zeitungsmeldungen, stand der 21-Jährige nicht unter dem Einfluss von Kokain oder anderer harter Drogen. Laut toxikologischem Gutachten befand sich lediglich eine geringe Menge THC im Blut.

Für die Mutter des Getöteten, Michaela K., ist das "Blackout" ihres Sohnes nach wie vor unbegreiflich. Sie hat keine Erklärung, was Martin zu dem völlig dilettantischen Überfall getrieben hat. "Er hatte einen guten Job und keine Schulden. Er hatte für den Sommer schon Pläne und sich auch für das Sommerlager seiner Pfadfindergruppe angemeldet". Auch am Abend vor dem Überfall sei ihr nichts aufgefallen. "Es geht mir nicht in den Kopf. Er hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Einmal hat er einen Mader niedergefahren und ist sofort zur Polizei gefahren, um es zu melden", so Michaela K. Sie befürchtet, dass ihr Sohn vielleicht wegen seines Aussehens sterben musste. "Er hat sich einen langen Bart wachsen lassen und hat wie ein Taliban ausgesehen. Vielleicht hat das die Polizisten in der Dunkelheit beeinflusst?"

Von der Staatsanwaltschaft fühlt sie sich im Stich gelassen. "Ich bekomme keine Infos und mein Auto ist immer noch beschlagnahmt."

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