Gerda Pfeiffer war bis zu den Knochen wund gelegen.

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Vernachlässigung
03/14/2016

"Das hat sich die Mama nicht verdient"

Pflegeskandal in Privatheim: 93-Jährige war bis zum Knochen wund gelegen. Als der Sohn Anzeige erstattete, wurde er beschuldigt.

von Ricardo Peyerl

Nachdem die 93-jährige Gerda Pfeiffer aus Pottenstein, NÖ, vom privaten Pflegeheim in das besser ausgestattete Landespflegeheim übersiedelt war, bekam ihr Sohn einen Anruf: Ob man der Mutter Morphium verabreichen dürfe? Sie müsse irrsinnige Schmerzen haben.

Im Heim wurde Karl Pfeiffer dann von der Ärztin gefragt, ob er die Rückenansicht seiner Mutter sehen wolle. "Die Ärztin schlug die Decke zurück, und ich schaute in ein schwarzes Loch", schildert der 60-Jährige im KURIER-Gespräch. Die Mutter war bis zum Knochen wund gelegen, das Gewebe rund um das Gesäß war nekrotisch, aber wegen ihrer Demenz konnte sie sich nicht verständlich äußern.

Die 93-Jährige wurde ins Krankenhaus gebracht und sofort operiert. Die Ärztin dort riet Pfeiffer, das private Heim sofort anzuzeigen (obwohl das Krankenhaus die Pflicht zur Anzeige gehabt hätte). Für Karl Pfeiffer wurde das zum Bumerang.

Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt ermittelte zögernd gegen die Heimbetreiber und gar nicht gegen den Arzt des privaten Heims. Aber sehr engagiert gegen – Karl Pfeiffer. Als Sachwalter seiner dementen Mutter habe er die Aufsichtspflicht vernachlässigt und ihre Verlegung durch verspätete Vorlage von Dokumenten verzögert.

Karl Pfeiffer laborierte zu der Zeit gerade an einer Knieoperation. Seine Lebensgefährtin hatte Gerda Pfeiffer drei bis vier Mal pro Woche in dem privaten Pflegeheim in NÖ besucht. Ihr war aufgefallen, dass die alte Dame im Sessel immer ganz nach vorne rückte, und sie sprach die Betreuer darauf an. Die 93-Jährige sei ein wenig wund, der Doktor habe sich das angeschaut und eine Salbe verordnet, wurde ihr mitgeteilt.

Weil der Pflegeaufwand zu groß war, übersiedelte Gerda Pfeiffer im Juli 2015 ins Landesheim. Die Leiterin des privaten Heimes sagte zu Karl Pfeiffer zum Abschied noch: "Schau, wie die Mama da schön im Rollstuhl sitzt." Und Karl Pfeiffer bedankte sich mit zwei großen Torten für die "gute Pflege".

Dabei muss Gerda Pfeiffer in den letzten Wochen schreckliche Schmerzen gehabt haben. "Das hat sich die Mama nicht verdient", sagt Karl Pfeiffer mit brüchiger Stimme. Die 93-Jährige lag zehn Tage im Spital, dann kam sie zurück ins Landespflegeheim, wo sie kurz darauf starb. Die offene Wunde war laut Gutachten nicht kausal für ihren Tod.

Bezirksgericht

Und das Quälen oder Vernachlässigen einer wehrlosen Heim-Insassin? Der Staatsanwalt erklärte die schriftliche Verantwortung der Heimleitung zur "Pflegedokumentation", stellte das Verfahren wegen Vernachlässigung gegen Heimleitung und Karl Pfeiffer ein und leitete den Akt an das Bezirksgericht weiter. Dieses solle gegen die Heimleitung eventuell wegen fahrlässiger Körperverletzung ermitteln.

Karl Pfeiffers Wiener Anwalt Josef Lachmann erstattete Anzeige gegen den Hausarzt des privaten Heimes. Der Anwalt hatte nämlich herausgefunden, dass der Arzt Gerda Pfeiffer in den drei Wochen vor ihrer Einlieferung ins Krankenhaus nur noch aus der Entfernung gesehen hatte. Er hatte ohne Begutachtung die Anweisung gegeben, die Wundversorgung wie gehabt weiter zu praktizieren.

Den Staatsanwalt regt das alles nicht auf. Er unterstellt Pfeiffer, "in Gefolge des Ablebens seiner Mutter für sich selbst Kapital schlagen" zu wollen, nur weil sich Pfeiffer dem Verfahren als Erbe mit einem Schadenersatzanspruch angeschlossen hat. Anwalt Lachmann reagiert darauf mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde.