Chronik | Niederösterreich
06.02.2018

NÖ: Das Comeback der Bibliotheken

Immer mehr Leser decken sich in Bibliotheken mit Büchern ein. Für viele sind sie verlängerte Wohnzimmer.

"Um Kinder zum Lesen zu bringen, ist mir jedes Mittel recht. Da mach ich mich auch zum Kasperl", sagt Sabine Janik und lacht. Was ein bisschen wie eine Drohung klingt, ist für die Bibliothekarin der BelvedereBücherei in Stockerau Ausdruck einer tiefen Überzeugung: "Menschen brauchen geistige Nahrung. Geschichten sind eine Form der Lebensbewältigung." Und Bücher scheinen wieder "in" zu sein. 2016 verzeichneten die nö. Bibliotheken erstmals mehr als eine Million Besucher. Tendenz weiter steigend.

Dienstagnachmittag. In der Kinderabteilung der Bücherei knotzen Kinder auf Sitzsäcken; Mütter lesen ihren Kleinen im Krabbelalter vor. Die Bibliothek ist gut besucht. "Die Entlehnungen haben sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt", erzählt Janik. 5000 Nutzer wären mittlerweile eingeschrieben, 500 davon aktiv. Ein Drittel sind Familien.

Die BelvedereBücherei ist in guter Gesellschaft. Niederösterreichweit sind die Entlehnungen in den 265 öffentlichen Bibliotheken von 2014 auf 2016 um 16,7 Prozent auf 1.984.492 angestiegen. Zwischen 2012 und 2016 wurden mit Hilfe des Landes NÖ 50 Bibliotheken saniert oder neu eröffnet. Allein 2017 wurden 285.800 Euro an Förderungen ausbezahlt. Unter Landesrat Karl Wilfing sollten die Bibliotheken Bildungs-, Kultur- und Informationszentren werden.

Laut Büchereiverband Österreich (BVÖ) hole NÖ Versäumnisse auf. "Die Nutzung war lange schlecht", erklärt Statistiker Martin Stieber. Vor allem die Zielgruppenarbeit habe dazu beigetragen. In kleinen Gemeinden fungierten die Bibliotheken als Kulturzentren, bei Sanierungen werde darauf geachtet, sie als verlängerte Wohnzimmer zu gestalten.

Auch in Stockerau kamen die Leser mit dem Umzug ins Belvedereschlössl sowie mit der Erneuerung des Buchbestandes. Doch laut Bibliothekarin Janik gibt es zwei weitere Gründe, warum wieder mehr Menschen in die Bibliotheken kommen. "Ich glaube, dass die Leute wieder mehr in die reale Welt zurück wollen. Sie wollen wieder ein Buch in der Hand haben, das sie umblättern können."

Dazu kämen finanzielle Zwänge: "Ich habe viele Familien, die sich ein Erstlesebuch um 12 Euro nicht leisten können." In der Bibliothek aber koste die Büchereikarte 35 Euro, ein Betrag, um dessen Beibehaltung sie Jahr für Jahr in der Gemeinde kämpft – damit die Bücherei der niederschwelligste Zugang zum Lesen bleibt.

An vorderster Front

Lese- und Sprachförderung gilt als Kernaufgabe der Bibliotheken. Für Janik haben sie auch eine soziale Aufgabe. Laut der Studie "Lesekompetenz am Ende der Volksschule" von 2016 können knapp 16 Prozent der Zehnjährigen nur unzureichend sinnerfassend lesen. Vor allem "bildungsferne" Jugendliche zu erreichen, sei eine große Herausforderung. "Es ist Tatsache, dass es Haushalte gibt, in denen keine Bücher existieren", sagt Janik. "Deswegen muss ich sie den Kindern woanders bieten. Da sind wir als Bibliothek an vorderster Front." Janik setzt dabei sogar auf tiergestützte Projekte.

Vielfach müsse man den Kleinen mit dem Angebot entgegen kommen, meint die Bibliothekarin, die selbst mit "Teresa Veilchenblau rettet Stockerau" einen Stadtführer für Kinder geschrieben hat. Sonst verliere man sie an Handy oder Computer. Das betreffe besonders die Buben. Huckleberry Finn oder die Schatzinsel? Vielleicht, aber warum nicht mit Superhelden-Geschichten das Lese-Interesse wecken. "Hauptsache die Kinder haben das Gefühl, zwischen den Buchdeckeln wartet etwas auf sie." Ihr Wunsch? "Jeder Ort sollte eine Bücherei haben – oder einen Bücherschrank."

Veranstaltungen sollen Gusto aufs Lesen machen

Rund 1500 ehrenamtliche und 250 hauptamtliche Bibliothekare sind niederösterreichweit im Einsatz. Neben der Betreuung der Räumlichkeiten organisieren sie auch Veranstaltungen und Projekte, um Kindern und Erwachsenen das Lesen schmackhaft zu machen.

Aktuell bietet die Stadtbücherei Baden Aktivitäten in den Semesterferien an. So werden bis 10. Februar von Kindern bis 18 Jahren keine Ausleihgebühren verrechnet bzw. bei Neuanmeldungen keine Einschreibgebühren, am 8. Februar gibt es dazu noch eine Märchenstunde mit Leseanimator Etienne Leroy.

Um die Arbeit der Bibliotheken zu ermöglichen, gibt es neben Landes- auch Bundesförderungen aus Mitteln des Bundeskanzleramtes. Diese richten sich auch nach Gemeindegrößen. Die Büchereien müssen für diese Mittel auch eine gewisse Mindeststundenzahl offen halten und einen gewissen Umsatz erzielen.