Chronik | Niederösterreich
20.04.2017

Wintereinbruch: Verkehrschaos und Stromausfälle

Mehrere Schwerfahrzeuge hatten sich am Wechsel quergestellt, in Niederösterreich und dem Burgenland waren Haushalte ohne Strom. Obst- und Weinbauern fürchten um ihre Ernte.

Der heftige Wintereinbruch hat Mittwochabend und Donnerstag zu Chaos auf Österreichs Straßen, Stromausfällen, politischen Reaktionen und Panik bei den Weinbauern geführt. Die in der Nacht gesperrten Autobahnen A1 und A21 waren am Donnerstag wieder ungehindert befahrbar. Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ) forderte eine Verlängerung der Winterreifepflicht für Lkw über 3,5 Tonnen um ein Monat.

In Niederösterreich und im Burgenland waren wegen des Schneefalls Tausende Haushalte ohne Strom. Nachdem in der Nacht in Niederösterreich 25.000 Haushalte betroffen waren, lag die Zahl am Donnerstag in der Früh noch bei knapp über 1.000, hieß es von der EVN. Die Störungstrupps der "Netz NÖ" seien unter teils schwierigen Bedingungen im Einsatz gewesen. Bäume waren geknickt, Äste abgebrochen und in Freileitungen gestürzt. Das habe zu sogenannten Schneedruckstörungen geführt. Die Haupteinsatzgebiete lagen laut EVN in und um Pottenstein im Bezirk Baden sowie in und um Böheimkirchen im Bezirk St. Pölten. Im Burgenland waren vor allem die Bezirke Oberpullendorf und Oberwart von den Stromausfällen betroffen.

Bilder vom Scheechaos in Österreich

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ABD0027_20170420 - MARIAZELL - ÖSTERREICH: Der Winter meldet sich mit tiefen Temperaturen und Schneefällen zurück. Im Bild: Menschen beim Schneeschaufeln am Donnerstag, 20. April 2017, im steirischen Mariazell. - FOTO: APA/FOTO KUSS

ABD0029_20170420 - MARIAZELL - ÖSTERREICH: Der Winter meldet sich mit tiefen Temperaturen und Schneefällen zurück. Im Bild: Eine zugeschneite Straße am Donnerstag, 20. April 2017, im steirischen Mariazell. - FOTO: APA/FOTO KUSS

In Wien-Liesing stürzte am Mittwochabend wegen des schweren Schnees ein Baum auf einen fahrenden Pkw. Der Lenker wurde von der Berufsfeuerwehr in der Kaltenleutgebner Straße aus dem Fahrzeug befreit, er erlitt leichte Verletzungen. Die Kaltenleutgebner Straße wurde nach dem Unfall gesperrt, die Feuerwehr richtete für die Anrainer einen Shuttle-Dienst ein. Weil weitere Bäume drohten umzustürzen, wurden diese von Feuerwehrleuten am Donnerstagnachmittag entfernt. "Wir kontrollieren Baum für Baum mittels Drehleiter, der Einsatz wird noch zumindest mehrere Stunden dauern", sagte Feuerwehrsprecher Jürgen Figerl.

Auch der Lainzer Tiergarten in Wien musste wegen der Schneefälle am Donnerstag aus Sicherheitsgründen gesperrt werden. Die Sperre bestehe bis auf Weiteres, sagte ein Sprecher des Forstamts (MA 49) zur APA. Man müsse die aktuelle Entwicklung abwarten. Abgesehen vom Lainzer Tiergarten seien keine weiteren Gebiete gesperrt worden. Es wird aber davon abgeraten, in höheren Lagen, in denen Schnee in den Baumkronen liegt, in die Wälder zu gehen. Das Schönbrunner Freibad entschied sich trotz des winterlichen Wetters, seine Pforten bereits am Samstag für hartgesottene Besucher zu öffnen.

Leichtfried will Winterreifenpflicht verlängern

Verkehrsminister Leichtfried forderte nach den nächtlichen Problemen auf Österreichs Straßen eine verlängerte Winterreifenpflicht für Lkw über 3,5 Tonnen. "Wir haben es immer öfter mit Wetterkapriolen zu tun, späte Wintereinbrüche mit viel Schnee, der dann zu enormen Verkehrsbehinderungen führt. Das Hauptproblem sind Lkw ohne Winterreifen, die liegen bleiben, sich quer stellen und den Verkehr blockieren", sagte Leichtfried der APA. Für Lkw über 3,5 Tonnen ist die Winterreifenpflicht unabhängig vom Wetter vorgeschrieben. Sie müssen ab 1. November bis 15. April zumindest auf den Antriebsrädern mit Winterreifen ausgestattet sein. "Wir prüfen eine Verlängerung um ein Monat", sagte Leichtfried.

Im Osten Österreichs führte der Wintereinbruch zu einem Schneerekord. Im Bergland lag stellenweise so viel Schnee wie noch nie in der zweiten Aprilhälfte. In Lunz am See waren es laut Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) am Donnerstag 86 Zentimeter. Auch der Westen war teils tief verschneit, jedoch weit entfernt von einem Rekord. Für die Nacht auf Freitag bestehe eine Frostwarnung, teilte die ZAMG mit.

Ortschaft in der Steiermark abgeschnitten

Die obersteirische Ortschaft Hinterwildalpen ist wegen der extrem hohen Lawinengefahr derzeit nicht über den Straßenweg erreichbar. Rund 80 Bewohner sitzen laut Karin Gulas (SPÖ), Bürgermeisterin von Wildalpen, vorerst in ihrem Seitental fest. Auch die Straßen nach Rothwald, einem weiteren Seitental an der Salza, ist gesperrt. Die Lawinenkommission war vor Ort und beurteilt die Gefahrenlage.

"Unsere älteren Bewohner haben gesagt, dass sie so etwas in den letzten 30 Jahren im April noch nicht erlebt haben", schilderte Gulas im APA-Gespräch. Am Dienstag hatte es zu schneien begonnen, am Mittwoch sei es "am schlimmsten" gewesen, am Donnerstag ließ es langsam nach, doch mehr als 70 Zentimeter Schnee sind bereits gefallen. "Die Räumfahrzeuge fahren pausenlos." Die Straßen seien nun zwar frei, aber die Gefahr durch Lawinen sei zu groß, um alle für den Verkehr freizugeben. Die Straße nach Hinterwildalpen und Rothwald ist daher gesperrt.

Schulbetrieb hat am Donnerstag deswegen keiner stattgefunden, denn die Direktorin der kleinen Volksschule Wildalpen wohnt in Hinterwildalpen und konnte nicht zum Unterricht kommen. Fraglich war am Donnerstagnachmittag, ob am Freitag wieder die Schule öffnet. Der Kindergarten sei in Betrieb und die Hochschwab Straße (B24) normal befahrbar, erklärte Gulas.

Problematisch war am Donnerstag die Ankunft der ersten Rafting-Gäste für den bevorstehenden Rafting-Europa-Cup am Wochenende. Die Camping-Plätze, auf denen Teilnehmer und Zuschauer eigentlich übernachten wollten, sind voll mit Schnee. Die Gäste werden daher im einzigen Hotel in Wildalpen sowie in anderen Unterkünften warme Betten vorfinden, versicherte die Bürgermeisterin.

Obst- und Weinbauern wappnen sich

Die heimischen Obst- und Weinbauern zeigten sich deshalb besorgt über ihre Ernte. Mit unterschiedlichen Methoden versuchten sie sich gegen den Frost zu wappnen. So wird etwa Stroh abgebrannt, auch Frostkerzen werden verwendet. Manche versuchen es mit Beregnen oder dem Abdecken der Kulturen oder Triebe. Die Obstkulturen stehen derzeit teilweise in der Vollblüte. Die Vegetation ist heuer im Durchschnitt zwei Wochen weiter als im langjährigen Schnitt.

Der heftige Wintereinbruch hatte am Mittwoch insbesondere auf der Wiener Außenring- (A21) und Westautobahn (A1) zu Sperren und zahlreichen Behinderungen geführt. Immer wieder blieben Lkw, die bereits mit Sommerreifen unterwegs waren, liegen. Vor allem in Niederösterreich, Wien, dem Burgenland und der Steiermark waren die Einsatzkräfte gefordert. In Niederösterreich kamen wegen der schlechten Straßenverhältnisse sogar Einsatzfahrzeuge von der Straße ab.

Während in der Obersteiermark starker Schneefall zu Verkehrsunfällen führte, brachte in Graz sowie im Umland der Sturm Schäden mit sich. In Mariazell schneite es mehr als einen halben Meter. Das Rote Kreuz musste dort angesichts der Schneemassen zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Die Rettung fuhr vorerst nur gemeinsam mit der Feuerwehr zu Einsätzen. Einige Häuser waren nicht ohne Hilfe zu erreichen, Wege mussten ausgeschaufelt und Patienten mit Tragehilfen in die Einsatzfahrzeuge gebracht werden. Manche Zufahrten waren gar nur mit größeren Feuerwehrfahrzeugen zu bewältigen.

Wettertrend

Eine kleine Wetterbesserung ist für Freitag zu erwarten. Der Tag bringt zur erfreulichen Abwechslung viel Sonnenschein, am Nachmittag liegen die Temperaturen zwischen sieben und 15 Grad. Am Wochenende wechseln Sonne und Wolken und stellenweise ziehen Regen- oder Schneeschauer durch, vor allem an der Nordseite der Alpen. Die Schneefallgrenze liegt zwischen 800 und 1.200 Meter. Die Höchsttemperaturen am Wochenende erreichen meist um zehn Grad, in Kärnten und der südlichen Steiermark sind bis zu 18 Grad möglich.

Schnee im Norden der Steiermark und Sturm in Graz

Der späte Wintereinbruch hat am Mittwochabend sowie in der Nacht auf Donnerstag für zahlreiche Feuerwehreinsätze in der Steiermark gesorgt: Während in der Obersteiermark starker Schneefall zu Verkehrsunfällen führte, brachte in Graz sowie im Umland der Sturm Schäden mit sich. In Mariazell schneite es mehr als einen halben Meter. Die Räumfahrzeuge waren besonders im Norden der Steiermark gefordert.

Nahe Trieben etwa kam ein Autolenker bei der Auffahrt zur Pyhrnautobahn (A9) von der schneeglatten Straße ab. Er fuhr gegen einen Baum, das Auto blieb auf der Fahrerseite liegen. Die Feuerwehr musste den Fahrer aus dem Wrack befreien. Er wurde verletzt ins Krankenhaus gebracht. In Mariazell hatten die Bewohner nach den Schneemassen, die am Mittwoch vom Himmel kamen, am Donnerstag harte Arbeit vor sich: Mehr als ein halber Meter Schnee musste von den Straßen, Gehwegen und Fahrzeugen geschaufelt werden.

Der Schnee blieb zwar den Steirern südlich des Alpenhauptkammes erspart, aber dafür wehten Sturmböen bis annähernd 100 km/h. Die Grazer Berufsfeuerwehr musste lose Bauteile, umgestürzte Bäume und Plakatwände wegräumen oder sichern. In der Koßgasse musste ein Carport zerschnitten werden, da es durch den starken Wind aus der Verankerung gerissen und auf die Straße getragen worden war. Am Freigarten musste eine Pappel abgetragen werden und in der Aspachgasse im Bezirk Gösting stürzte ein Baum auf ein Mehrparteienhaus. Äste beschädigten das Dach und die Fassade, mehrere Fenster wurden eingeschlagen. Der Eingang zum Haus war blockiert, weshalb die Einsatzkräfte mit Motorsägen anrückten. Verletzt wurde niemand.

In Graz-Umgebung waren die Feuerwehren ebenfalls gefordert: Mehrere Bäume waren umgefallen und blockierten Straßen, einer ging nahe einem Wohnhaus in Flammen auf. Ein Lkw-Lenker kam von der Straße ab und blieb in einem Bachbett liegen. Rund 50 Feuerwehrleute waren nördlich von Graz im Einsatz.

Im obersteirischen Kulm am Zirbitz im Bezirk Murau hatte der starke Wind für einen Bahndammbrand gesorgt. Vermutlich hatte Funkenflug eines ÖBB-Zuges zwischen Neumarkt und Friesach die trockenen Wiesen entlang der Strecke in Flammen gesetzt. Der Zugverkehr auf der Südbahnstrecke musste Donnerstagfrüh für gut drei Stunden eingestellt werden, um das Feuer in teils unwegsamem Gelände zu bekämpfen.

Donnerstagvormittag herrschte Kettenpflicht für Lkw über den Pogusch, den Seeberg, das Niederalpl, den Lahnsattel, den Kreuzberg, den Josefsberg, den Präbichl sowie den Oppenberg. Die Kaiserau war auch für Pkw nur mit Ketten zu befahren.

Menschen in der Notschlafstelle

Adrian, Liliana und Sohn Maximilian aus Polen waren am Weg nach Deutschland. Neun Stunden seien sie im Stau gestanden, erzählt Adrian. Glücklicherweise hatten sie zumindest genug zu Trinken dabei. Erst um 21.30 Uhr seien sie im Notquartier angekommen. Sie üben Kritik an der Asfinag. "Unsere Fahrbahnseite wurde nie geräumt", meinen sie.

Gottfried Putz aus Salzburg war auf dem Heimweg nach einem Kundentermin in Wien, als er in den Stau auf der A21 geriet. „Wir sind um 13.30 Uhr in Wien weggefahren und um 14 Uhr im Stau gestanden“, berichtet er. Auf der A21 nach der Abfahrt Alland ging nichts mehr. „Das hat sich gezogen bis 20 Uhr.“ Erst hatte er den Eindruck, dass die Straßenverhältnisse gar nicht so schlecht waren. Doch das änderte sich rasch. „Es hat gewirkt, als ob der Straßenräumdienst überrascht war, vom Schnee.“

Nachdem die festsitzenden Autos über eine Betriebsumkehr abgeleitet worden war, machten sich Putz und sein Kollege auf der Suche nach einer Unterkunft. „In Heiligenkreuz haben wir nichts gefunden. In Alland haben wir in einem Gasthaus dann die Info bekommen, dass im Umkreis von 30 Kilometern alles ausgebucht ist.“ Schließlich erfuhren die Männer vom Notquartier in der Allander Volksschule. Erst gegen 21.30 Uhr schafften sie es durch das Schneetreiben dorthin. Schließlich verbrachten sie eine unruhige Nacht auf Feldbetten. Das Rote Kreuz habe sie mit Essen und warmen Getränken versorgt, lobt der44-Jährige.

Georg Ulbrich war in der Nacht der zsutändige Einsatzleiter. "58 Leute haben bei uns übernachet", erzählt er. Den Gestrandeten servierte das Rote Kreuz Tee und Kaffee. "Von der lokalen Pizzeria haben wir Pizza bestellt."

Um 20 Uhr seien die ersten Stau-Opfer auf der RK-Dienststelle in Alland erschienen. Innerhalb kurzer Zeit entschieden sich die Einsatzkräfte, ein Notquartier einzurichten. Mehr als 60 RK-Mitarbeiter waren im Einsatz, 20 teilten auf der A21 warme Getränke und Decken aus.

Nachdem um 3.30 Uhr die A21 Richtung Wien und um 5 Uhr Richtung St. Pölten wieder freigegeben worden waren, brachen gegen 6 Uhr die meisten Gestrandeten wieder auf.

Tirol, Vorarlberg und Niederösterreich

Nach dem jüngsten Wintereinbruch geht die Lawinengefahr in den Tiroler Tourengebieten nur langsam zurück. Am Donnerstag wurde sie von den Experten des Landes gebietsweise immer noch als erheblich, also mit Stufe 3 der fünfteiligen Skala eingestuft. Neuschnee und Triebschnee seien störanfällig und könnten häufig schon durch geringe Zusatzbelastung ausgelöst werden, hieß es.

Dazu reiche schon das Gewicht eines einzelnen Wintersportlers. Gefahrenstellen waren oberhalb von etwa 2.400 Metern in steilen, schattseitigen Hängen, in Kammlagen sowie in eingewehten Rinnen und Mulden aller Expositionen zu finden. Anzahl und Verbreitung der Gefahrenstellen nehme mit der Seehöhe zu.

Ab dem späten Vormittag sollten Wintersportler unterhalb von etwa 2.400 Metern den Festigkeitsverlust der Schneedecke beachten, warnten die Experten. Dort müsse dann zunehmend mit feuchten Rutschen und Nassschneelawinen gerechnet werden. Das betreffe vor allem Hänge, die von Ost über Süd bis West gerichtet sind, hieß es.

Die Lawinengefahr in Vorarlberg ist am Donnerstag auf Stufe 3 ("erheblich") der fünfteiligen Skala herabgesetzt worden. Am Mittwoch noch hatte "große" Lawinengefahr (Stufe 4) geherrscht. Trotz der Entspannung wurde Wintersportlern aber weiter Vorsicht angeraten, aktuell durchgeführte Touren erforderten Erfahrung, betonte die Landeswarnzentrale.

In höheren Lagen bildeten speziell eingewehte Kammlagen, Rinnen und Mulden sowie Bereiche hinter Geländekanten Gefahrenstellen. Die Triebschneeansammlungen der vergangenen Tage seien störanfällig, warnte Experte Herbert Knünz. Mit der tageszeitlichen Erwärmung waren feuchte Rutsche und Lawinen vor allem an steilen Ost-, Süd-und Westhängen unterhalb von 2.600 Metern möglich.

Für die niederösterreichischen Alpen hat die Bergrettung am Donnerstag dazu aufgerufen, auf Berg- und Skitouren zu verzichten. Die Helfer selbst sind einer Aussendung zufolge in erhöhter Alarmbereitschaft.

Die Lawinengefahr reiche aktuell bis zur Warnstufe 5 bzw. "sehr groß" (Ybbstaler Alpen). Sie werde auch in den kommenden Tagen "groß" (Stufe 4) oder zumindest "erheblich" (3) sein. Im Gelände sei "äußerste Vorsicht" geboten, betonte Hubert Köttritsch, Sprecher der Bergrettung NÖ/Wien. Auch auf Zufahrtsstraßen in den Bergen könne es bei extremer Schneelage "zu Lawinenabgängen an Stellen kommen, die bis dato als sicher gelten bzw. wo bisher noch nie Lawinenabgänge registriert wurden".