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Nach Todesschüssen: "Er war ein ganz lieber Bursche"

Nachdem ein 21-jähriger Tankstellenräuber erschossen wurde, spricht ein Wegbegleiter.
Ein Pfadfinder mit Rucksack und Halstuch im Freien.

Zu den tödlichen Polizeischüssen auf den 21-jährigen Martin K. gibt es erste Details: Insgesamt wurden zwölf Schüsse auf den Tankstellenräuber abgegeben, neun Mal wurde er getroffen – laut Obduktion waren drei dieser Schüsse tödlich. Es bleibt die Frage nach dem Warum.

Martin K. (21) hatte ein intaktes Umfeld, seine Schlosser-Lehre erfolgreich beendet und sein Job bei einem Maschinenbaukonzern galt als sicher. Was trieb diesen jungen Mann dazu, eine Tankstelle zu überfallen und mit der Waffe im Anschlag auf Polizisten loszugehen, bis diese das Feuer eröffnen?

Roland Steiner hat keine Erklärung dafür. Der Leiter der Pfadfindergruppe Felixdorf im Bezirk Wr. Neustadt (NÖ) kannte Martin K. seit seinem zehnten Lebensjahr. "Damals ist er zu uns Pfadfindern gekommen. Ein ganz lieber Bursche, unkompliziert, so wie die meisten anderen bei uns auch. Sein jüngerer Bruder hat irgendwann wieder aufgehört, aber Martin ist bei uns geblieben", erzählt Steiner geschockt.

Verfolgungsjagd

K. wurde, wie berichtet, in der Nacht auf Freitag nach einem Raubüberfall auf eine Tankstelle in Wiener Neustadt und anschließender Verfolgungsjagd von Polizisten erschossen. "Vielleicht war er in die Enge getrieben und hat keinen Ausweg mehr gesehen und es darauf angelegt", meint Steiner. Die Theorie von "Suicide by Cop" ist nicht so abwegig: Obwohl er von Beamten umzingelt war und mehrmals aufgefordert wurde aufzugeben, ist er mit einer täuschend echt aussehenden Softgun im Anschlag auf die Beamten losgegangen. Diese eröffneten das Feuer. Trotz rascher Hilfe des Notarztes gab es keine Rettung mehr. K. starb an Ort und Stelle.

Ob der als tüchtig geltende Arbeiter Geldsorgen hatte und sich deshalb zu einem Tankstellenüberfall hinreißen ließ, weiß auch der Pfadfinderleiter nicht. "Man hat ihm nichts angemerkt."

Ein Mann mit Brille steht vor einem Weinstock.
pfadfinder neunkirchen
Innerhalb der Pfadfindergruppe gäbe es einen intakten Freundeskreis. "Bei uns geht es darum, die Burschen zusammenzuhalten und etwas Vernünftiges mit ihnen zu unternehmen. Genau deswegen, damit sie nicht auf dumme Ideen kommen", schildert Steiner. Wann immer man ihn gebraucht habe, sei auf Martin Verlass gewesen. Ob beim Pfadfinderheurigen oder bei Arbeiten im Pfadfinderheim. Steiner erinnert sich an das Sommerlager seiner Gruppe vergangenes Jahr in Salzburg. Martin leistet zu dem Zeitpunkt gerade seinen Präsenzdienst ab. "Er hatte nach einem Wachdienst frei und ist uns über 300 Kilometer nachgefahren, weil er einfach dabei sein wollte", erzählt der Pfadfinder-Leiter.

Im Gespräch mit dem KURIER fällt Steiner noch eine Geschichte über den 21-Jährigen ein. "Er hat gerne Rambo gespielt, im positiven Sinn. Auf einem Lager mit Zeltübernachtung hatte sich ein Kamerad verletzt. Martin hat den Rucksack seines Freundes und seinen eigenen kilometerweit geschleppt und war trotzdem der Erste. Das hat ihn ausgezeichnet."

Riesiger Verlust

Steiner kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, was den "Burschen dazu geritten hat, so eine Dummheit anzustellen." Immerhin sei ein bewaffneter Überfall kein Bagatelldelikt. Er verstehe auch das Handeln der Polizisten, die mit dem Schlimmsten rechnen musste. Der Tod des jungen Mannes reiße jedenfalls ein riesiges Loch in die tolle Gemeinschaft der Pfadfindergruppe. Schon in drei Wochen steht das diesjährige Sommerlager in München auf dem Programm. "Martin wäre mit dabei gewesen. Er hatte schon gebucht."

Albträume jede Nacht, extreme Reizbarkeit, Schlafstörungen und plötzliche Flashbacks. Dazu familiäre/eheliche Probleme, gefolgt von exzessivem Missbrauch von Alkohol, Medikamenten oder sogar illegalen Drogen.

Das sind die häufigsten Folgen des Post-Shooting-Traumas, die bis zum Selbstmord führen können. Davon betroffen sind Polizisten nach tödlichen Schusswaffeneinsätzen. So wie am Donnerstagabend in Wiener Neustadt (NÖ), bei dem der 21-jährige Martin K. von der Exekutive getötet wurde.

„Etwa 24 bis 48 Stunden nach dem Schuss ist der Stresspegel bei einem Polizisten sehr hoch“, erklärt Major Oliver Wilhelm. Er ist einer von 80 speziell geschulten Exekutivbeamten, an die sich Polizisten wenden können. Er war auch in der Nacht auf Freitag im Einsatz. „Wird das Adrenalin abgebaut, dann fängt die Psyche an zu arbeiten.“ Es dauert also ein bis zwei Tage, bis dem Beamten die Lage richtig bewusst wird. Dann folgen mediale Berichte (teils mit Vorverurteilungen), die den Druck erhöhen, und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft starten. Beamte erzählen von extremen Belastungen. „Im Prinzip bist du dir sicher, dass du richtig gehandelt hast. Das sagen dir auch die Kollegen. Nur weißt du nicht, ob das die Staatsanwaltschaft oder der Sachverständige dann auch so sieht“, erzählt ein Betroffener.

Ein Beispiel war etwa das vergangene Woche eingestellte Verfahren gegen vier WEGA-Beamte. Der Angreifer stach acht Mal in die Schutzweste eines Beamten, erst dann schossen die vier Elitepolizisten. Polizeiintern glaubte zwar niemand, dass es zu einer Anklage kommt, aber es dauerte über ein Jahr, bis die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellte.

In vielen Fällen gehen außerdem die Vorgesetzten auf Distanz. Erstens, um nicht zu viel Nähe zu einem Beamten zu haben, gegen den ein Verfahren läuft, und zweitens, um nicht etwas zu erfahren, das man vielleicht nach oben weitermelden müsste.

"Höchst dramatisch"

„Ein Polizist ist keine Maschine, sondern auch nur ein Mensch“, meint Wilhelm vom Bezirkskommando Mödling. „Das ist eine höchst dramatische Sache. Vergleichbar mit einem Verkehrsunfall, bei dem man einen nahen Angehörigen verloren hat.“ Etwa zwei Drittel der Beamten sind nach Schussabgaben von so einem Trauma betroffen. Durchschnittlich 20 Wochen ist ein Polizist nach einem tödlichen Schuss im Krankenstand. „Es ist egal, ob Mann oder Frau, jung oder alt, bei jedem kann es anders sein“, sagt Wilhelm.

Ein Extrembeispiel ist ein langjähriger Wiener Polizeioffizier, der in mehrere tödliche Schussabgaben involviert war. „Solche Vorfälle gehören zum Beruf dazu“, sagte er und war stets am nächsten Tag wieder im Dienst. Ein anderer Polizist erzählte bei einem vertraulichen Gespräch mit dem KURIER, dass er auch eineinhalb Jahre nach dem Todesschuss noch immer unter Albträumen zu leiden hat – obwohl nie Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden und das Verfahren rasch eingestellt wurde.

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