Chronik | Niederösterreich
17.09.2017

"Ich wollte ihn nicht töten"

Der Vater starb durch das Messer des 18-jährigen Sohnes. Nun ist die Justiz am Zug.

Einen vergleichbaren Fall sucht man in Österreichs Kriminalgeschichte selten. Die Justiz führt Johannes S. (18) offiziell als Mordverdächtigen, hat ihn aber nach nur fünf Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen. Obwohl sein 59-jähriger Vater am 4. August in Ebergassing in Niederösterreich durch das Messer des Sohnes zu Tode gekommen ist – den Angaben nach in Notwehrempfing ihn die gesamte Familie zu Hause mit Freudentränen und einem Willkommensplakat.

Im Beisein seines Wiener Rechtsanwalts Martin Preslmayr hat der 18-jährige HTL-Schüler dem KURIER seine Lebensgeschichte erzählt – von den Demütigungen durch den Vater bis hin zum Leben hinter Gittern.

KURIER: Sie gelten als Mordverdächtiger und gehen seit dieser Woche wieder in die Schule. Was sagen Ihre Schulkollegen? Johannes S.: Es haben alle extrem locker reagiert. Keiner sieht mich als kaltblütigen Killer. In der ersten Stunde haben wir einen Kreis gebildet und alle durften Fragen stellen. Am meisten hat sie interessiert, wie es im Gefängnis war und wie die Zellengenossen waren.

Und wie war es im Gefängnis?

Die ersten vierzehn Tage waren extrem schwer, dann lebt man sich ein bisschen ein. Um nicht ständig nachzudenken, habe ich versucht, mich zu beschäftigen, und ich habe täglich in der Tischlerei gearbeitet.

Haben Sie daran gedacht, dass Sie vielleicht die nächsten 15 Jahre nicht mehr rauskommen?

Ja, ich musste immer wieder daran denken, dass ich vielleicht lange sitzen muss.

Sprechen wir über Ihren Vater. Er war als aggressiv und gewalttätig bekannt. Im vergangenen Jahr gab es einen Polizeieinsatz, weil er Ihre Mutter geschlagen hat?

Wir haben viel über uns ergehen lassen müssen. Ab einem gewissen Alter habe ich versucht, die Situationen zu Hause zu meiden. Ich war viel bei Freunden. Wenn man in der Früh aber ein blutiges Tuch findet und die fertige Mutter sieht, weiß man, was los war. Meine Mutter hat immer versucht, uns Kinder bestmöglich zu schützen.

Was ist am 4. August genau bei Ihnen zu Hause passiert?

Ich habe mit meinem kleinen Bruder Sitzbänke aus Holz gebaut. Mein Vater hat sich wie immer aufgeregt, dass die Arbeit ein ,Pfusch‘ und ein ,Scheiß‘ ist und ich ,Trottel‘ nichts zustande bringe und für alles zu blöd bin. Daraufhin habe ich ihm an den Kopf geworfen, dass er ständig seine Familie schlägt und sich nie entschuldigt. Das hat ihn noch mehr in Rage gebracht. Er ist richtig ausgetickt, viel schlimmer als sonst.

Dann kam es zu der Tätlichkeit?

Wir haben wild herumgerangelt, ich bin dann aus Angst in mein Zimmer geflüchtet.

MartinPreslmayr:Die Mutter und die Geschwister haben ausgesagt, dass der Vater Johannes im Hof schon brutal gepackt und gebeutelt hat. Er hatte fast 100 Kilo und war Johannes körperlich deutlich überlegen.

Wurden Sie vor diesem Tag auch schon von Ihrem Vater geschlagen?

Ja sicher, als ich älter wurde, ist es zum Glück weniger geworden. Als kleines Kind waren manche Sachen ziemlich heftig.

Im Kinderzimmer ist es dann zum tödlichen Stich gekommen?

Als ich ins Zimmer bin, habe ich gemerkt, dass er hinter mir her ist. In Panik habe ich auf dem Schreibtisch zum Messer gegriffen. Er hat ausgeholt und mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er dürfte abgerutscht und nach vorne gekippt sein, anscheinend genau ins Messer. Ich wollte ihn nicht töten.

Martin Preslmayr:Man muss schon eines sagen. Das Messer war ein Sammlerstück. Die Klinge war neun Zentimeter. Das ist kein Mordwerkzeug.

Wie war die Reaktion des Vaters?

Er hat den Stich nicht einmal gemerkt. In seiner Aggressivität hat er mich weiter geschimpft, bis meine Mutter dann das Blut gesehen hat. Dann ist er im Hof plötzlich umgekippt.

Martin Preslmayr:Das spricht deutlich dafür, dass es hier keine bewusste Tathandlung gegeben hat. Laut dem Gerichtsmediziner gab es auch nur den einen Stich. Wenn man jemanden töten will, sticht man mehrmals zu.

Der Vater liegt sterbend im Innenhof. Das muss ein Drama gewesen sein?

Ich habe sofort den Arzt und den Notruf gewählt. Es war rasch Hilfe da. Bis dahin haben wir Erste Hilfe geleistet, mein kleiner Bruder hat die Wunde verbunden. Dann hat mir die Polizei schon Handschellen angelegt und überprüft, ob ich Waffen eingesteckt habe. Sie haben mich auf den Posten gebracht und dann einvernommen.

Nach fünf Wochen wurden Sie in Handschellen zur Tatrekonstruktion geführt. Anscheinend hat man Ihnen Glauben geschenkt und Sie freigelassen. Wie ist jetzt die Stimmung zu Hause?

Es herrscht eine gewisse Erleichterung, nicht nur zu Hause, sondern auch in der Nachbarschaft. Jeder bietet dem anderen plötzlich seine Hilfe an. Das wäre früher nie denkbar gewesen.

Herr Preslmayr, wie geht es jetzt im Verfahren weiter?

Martin Preslmayr:Wir warten auf das gerichtsmedizinische Gutachten. Nach derzeitigem Stand gehe ich davon aus, dass es zu keiner Mordankalge kommt.