Chronik | Niederösterreich
01.03.2018

Missbrauch im Gymnasium: Eltern fordern Konsequenzen

Eltern einiger Opfer bekritteln die mangelnde Aufarbeitung des Skandals. Nun wurde ein Infoabend einberufen.

Die Kinder wussten bei den "Experimenten" im stockfinsteren Werkkammerl nicht, was sie da – umhüllt von einem Plastiksackerl – eigentlich in der Hand hatten. Es war der Intimbereich des 36-jährigen Professors, den er den Kindern durch einen perfiden Tatplan unterjubelte. Auch zum Oralverkehr soll es so gekommen sein.

Während Michael M. in Korneuburg wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen in U-Haft sitzt und auf die Anklage wartet, ist am Bundesgymnasium Schwechat eine Debatte um den Umgang mit dem Missbrauchsskandal entbrannt. Betroffene Eltern einiger Opfer orten schwere Missstände bei der Aufarbeitung des Falles. In einem Schreiben haben sie auch Bildungsdirektor Johann Heuras über ihren Unmut informiert.

Wie die Ermittlungen ergeben haben, soll der Professor für Geografie und Technisches Werken seine Opfer von der übrigen Klasse separiert haben, in dem er sie für diverse "Arbeiten" um Hilfe bat. Wenn sie mit bis zu 30 Minuten Verspätung in die anschließende Schulstunde kamen, wurde das hingenommen und nicht im Klassenbuch vermerkt. Dadurch fehlt nun auch ein wichtiges Beweismittel vor Gericht, das die Abwesenheit der Kinder dokumentiert hätte.

Verhaltenskodex

Verdacht habe leider niemand geschöpft, da der mutmaßliche Täter seine Kollegen informierte, dass die Kinder ihm geholfen hätten, erklärt Direktor Heinz Lettner. Die Eltern verlangen aus diesem Grund ganz konkrete Verhaltensregeln für das Lehrpersonal. Sie wollen, das kein Pädagoge mehr mit einem Kind alleine in einem Raum sein darf. Lettner warnt davor, dass die Vertrauenskultur an einer Schule dadurch rasch in eine Misstrauenskultur umschlagen könnte. Genau diese Punkte will aber auch der Elternverein diskutiert wissen. Aus diesem Grund findet in wenigen Tagen ein Infoabend zum Missbrauchsskandal für alle Eltern der 1133 Schüler des Gymnasiums statt.

Sauer stößt einigen Opferfamilien auf, dass die Schule nach dem Aufkommen der ersten Vorwürfe am 23. November zunächst abwartete. Den Aussagen der Kinder sei anfänglich gar kein Glauben geschenkt worden, ärgern sich die Betroffenen. Erst als die Schwester eines der Opfer den Pädagogen am Elternsprechtag am 24. November zur Rede stellte und Anzeige erstattet, kam die Sache ins Rollen. Der Direktor dementiert: "Die Vorwürfe sind vor dem Wochenende aufgekommen. Es gab einen Plan, wie man am Montag damit umgeht. Die Angehörige ist uns mit der Anzeige aber zuvor gekommen."

Was Lettner eingestehen muss, ist, dass es nach der Akuthilfe durch die Schulpsychologie an der mittelfristigen Betreuung der Opfer hapert. "Die entsprechenden Stellen sind derart ausgelastet, dass es wochenlange Wartezeiten gibt."

Teilweise geständig

Laut der Rechtsanwältin von Michael M., Martina Hackl, ist ihr Mandant teilweise geständig. 30 Mädchen und Burschen des Gymnasiums von der zweiten bis zur fünften Schulstufe wurden als mögliche Opfer einvernommenen. "Davon dürften zehn Vorfälle deliktsrelevant sein", sagt Hackl. Michael M. nimmt laut der Anwältin in der U-Haft bereits eine Psychotherapie in Anspruch. Seine Lebensgefährtin, die ebenfalls Lehrerin an dem Gymnasium ist und sich seit den Vorfällen in Krankenstand befindet, stehe zu ihm und besucht ihn regelmäßig in der Haft, sagt Hackl.

Dass die Freundin des Verdächtigen wieder an die Schule als Lehrerin zurückkehren könnte, ist für einige Eltern der Opfer undenkbar. Dieses dienstrechtliche Problem sei vom Landesschulrat zu lösen, heißt es am Gymnasium.