Chronik | Niederösterreich
04.09.2017

Migranten stärkste Kraft in der Schule

In den Volksschulen gerät die deutsche Sprache ins Hintertreffen. Förderprogramme sollen das ändern.

Wenn heute in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland zum ersten Mal die Schulglocken läuten und die Lehrer die Kinder mit einem "Guten Morgen!" begrüßen, werden wohl viele Taferlklassler fragend in die Luft blicken. Bei ihnen zu Hause heißt es "Günaydın" (Türkisch) oder "Sabah al-Kheir" (Arabisch).

Gerade in vielen Ballungszentren sind Migrantenkinder in den Volksschulen nicht mehr in der Minderheit, sondern in der Überzahl. Wiener Neustadt gilt in Ostösterreich als einer der Hotspots. In fünf von neun Volksschulen hat der Anteil von Kindern mit fremder Muttersprache die 50-Prozent-Marke bereits überschritten.

Wiener Neustadt beheimatet auch die Volksschule mit dem höchsten Migrantenanteil in ganz Niederösterreich. 159 von 180 Kindern der Otto-Glöckel-Volksschule haben ihre Wurzeln in der Türkei, Afghanistan, Serbien oder anderen Staaten. Bereits im vergangenen Schuljahr gab es erstmals eine Klasse, in der kein einziges Kind mehr mit deutscher Muttersprache war.

Gettos

"Wir stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. In den meisten Fällen haben die Kinder ganz deutliche Sprachdefizite. Vor allem in Teilen der türkischen Gemeinschaft wird zu Hause nicht Deutsch gesprochen", erklärt Wiener Neustadts Bildungsstadtrat, Christian Stocker (ÖVP). Durch die gescheiterte Wohnungspolitik seien regelrechte Gettos entstanden, in der sich eine Parallelgesellschaft aufgebaut habe.

Seit Jahren debattieren Integrationswissenschafter und Pädagogen, wie man die Sprachdefizite der Kinder tunlichst wettmachen könnte. In Wiener Neustadt hat man im vergangenen Schuljahr mit einem Pilotprojekt als Förderprogramm die bisher besten Erfahrungen gemacht.

23 Buben und Mädchen mit deutlichen Sprachdefiziten einer ersten Klasse der Volksschule Baumkirchnerring bekamen drei Monate lang einen Deutsch-Intensivkurs in drei Leitungsgruppen, geführt von jeweils zwei Lehrerinnen. Die restlichen Wochenstunden wie Sport, Bildnerische Erziehung sowie Mathematik verbrachten die Kinder im regulären Klassenverband.

Am Ende des Projekts wurden die Schüler erneut getestet – etwa auf ihren Wortschatz, auf Zeit- oder auf Verbformen. Es zeigte sich eine 70-prozentige Verbesserung des deutschen Sprachschatzes. "Das Ergebnis demonstriert, dass wir die Sprachkenntnisse der Kinder nur mit Intensivförderung auf Dauer verbessern können, weil dies im Regelunterricht selbst mit Stütz- und Integrationskräften nur bedingt möglich ist", erklärt Stocker.

Nun kommt das Projekt in drei Brennpunktschulen mit hohem Migrationsanteil zum Einsatz – die Verantwortlichen erhoffen sich entsprechende Erfolge.

Wiener Förderangebote

In Wien haben aktuell etwa 50 Prozent aller Schüler nicht Deutsch als Umgangssprache. Das sagt zwar nicht unmittelbar etwas über deren Sprachkompetenz aus. Eine KURIER-Anfrage in der Brigittenauer Volksschule Greiseneckergasse mit 98 Prozent Migrantenanteil zeigt aber, dass Bedarf an Sprachförderung besteht: Von 100 Kindern in der ersten Klasse nehmen 40 spezifische Unterstützungen in Anspruch, weil sie dem Unterricht sonst nicht folgen könnten.

Die Förderangebote sind gerade in Wien breit gefächert: Zusätzlich zum klassischen Unterricht und zu Sprachförderkursen sind "Mobile interkulturelle Teams" aus Psychologen, Sozialarbeitern und Sozialpädagogen im Einsatz, die die Schulen bei der Kommunikation mit Eltern und Kindern unterstützen. Lehrer für Türkisch, BKS (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) und Arabisch festigen zudem die Sprachkenntnisse der Schüler in deren Muttersprache. Das Förderprogramm der Stadt Wien umfasste im Vorjahr 150 Personen. Und das Programm werde ständig ausgebaut, sagt Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ).