Kettenphantom vor Gericht

Der Profigangster überfiel Bankiers im Schlaf und kettete seine Geiseln an: Die Opfer berichten beim Prozess Erschütterndes.

Ich hab’ das Gefühl gehabt, er war schon hundert Mal da. Er wusste alles über unser Haus und über mich. Er hat eine russische Militärwaffe mit Schockwellen, hat er gesagt und wenn er uns damit trifft, sind wir in Sekunden tot." Michaela H. wird im Schwurgerichtssaal von Weinkrämpfen geschüttelt, immer wieder muss sie aussetzen. "Ich hab zu meinem Lebensgefährten gesagt: Du, er bringt uns um. . . Ich hab’ mit meinem Leben abgeschlossen gehabt."

Einen Albtraum, wie man ihn bloß in Thrillern aufgehoben glaubt, durchlebten die Bankleiterin und ihr Partner in der Nacht zum 18. Oktober 2009 in Stetteldorf (Bezirk Korneuburg). Aufgeschreckt aus dem Tiefschlaf, das Licht brennt und im Schlafzimmer steht ein Maskenmann mit Pistole. "Überfall! Ruhig sein!" Ouvertüre zu einem Martyrium, das zehn Stunden dauern sollte. Erst dann wurde die Frau entdeckt – den Körper mit Klebeband eingewickelt und am Hals in der Dusche angekettet. Ihr an einem Hochstand angeketteter Partner hatte sich mit letzter Kraft befreien können.

Entführung

Da sitzt es jetzt, das " Kettenphantom". Ein kleiner Mann mit großen Entführungsplänen. Svetislav Danilovic, 56, muss sich seit Mittwoch am Landesgericht St. Pölten wegen erpresserischer Entführung, schweren Raubs und Freiheitsentziehung verantworten. Der Stetteldorfer Coup war sein Finale.

Davor zog der Montenegriner im Mai sein Kettending in Pöchlarn an einer Bankiers-Ehefrau durch – die Frau konnte sich nach Stunden befreien. Und im September schoss er in St. Andrä-Wördern auf einen Hausherrn, der ihn überrascht hatte. "Der Angeklagte ist ein höchst professioneller Verbrecher", schärft Staatsanwalt Karl Fischer den Geschworenen ein. Via Internet suchte Danilovic Opfer mit finanziellem Background, besah sich die Häuser via Google Earth, erkundete als Jogger die Umgebung, spähte am Grundstück nächtens Lebensgewohnheiten aus und spazierte tagsüber durch die späteren Tatorte. Richterin Andrea Humer: "Stimmt das?" Angeklagter: "Könnte so sein."


Geplant waren Lösegeld-Erpressungen. Dazu gekommen ist es nie. Warum? "Ich habe aus humanitären Gründen abgebrochen", behauptet Danilovic. Die Geiseln wären "krank gewesen" (Pöchlarn) oder hätten "hysterisch Stress gemacht" (Stetteldorf). Noch heute leiden die Opfer schwer. H.: "Wir mussten ausziehen. Ich hab’ jeden Tag Angst, wenn es dunkel wird." Der Prozess in St. Pölten wird heute fortgesetzt.

( Kurier ) Erstellt am 02.02.2012