Hannes Hirtzberger, vergifteter Bürgermeister von Spitz in der Wachau

© KURIER/Gilbert Weisbier

Wachau
12/24/2016

Kein Ende im Pralinen-Giftkrimi

Sponsoren finanzierten Gutachten, mit dem Häftling den Hirtzberger-Prozess neu aufrollen will.

von Gilbert Weisbier, Ricardo Peyerl

Eine Wende im Kriminalfall um den 2008 vergifteten Bürgermeister von Spitz in der Wachau, Hannes Hirtzberger, will der Linzer Rechtsanwalt Kurt Wolfmair herbeiführen. Der Verteidiger des Winzers Helmut Osberger, der im selben Jahr wegen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hat nun eine Wiederaufnahme des Verfahrens im Landesgericht Krems beantragt. Ein brandneues Gutachten ist seine Munition. Das konnte er erst jetzt mithilfe von Sponsoren finanzieren. Zu den Spendern zählt auch der Sohn des Verurteilten, der seinen Vater im Verfahren noch schwer belastet hat. Wolfmair: "Wenn sein Vater unschuldig ist, soll er auch nicht im Gefängnis sitzen, meint der Sohn."

Der Fall und der darauf folgende Prozess erregten damals internationales Aufsehen. Wie berichtet, gingen Anklage und später auch das Gericht davon aus, dass der Rechtsanwalt und Lokalpolitiker durch Strychnin so schwer vergiftet wurde, dass er seither im Wachkoma liegt. Eine Besserung seines Zustandes gilt aufgrund der schweren Hirnschäden als ausgeschlossen.

Giftmenge

Das Gift soll sich in den Pralinen einer Schachtel Mon Chéri befunden haben, die Hirtzberger am Morgen des 9. Februar 2008 – gemeinsam mit einer Grußkarte – auf dem Dach seines Autos fand. Er aß eine Praline. Auf der Fahrt nach Krems zu seiner Kanzlei wurde ihm schlecht. Er blieb stehen, bat einen Passanten um Hilfe und brach zusammen. Er musste monatelang auf der Intensivstation behandelt werden.

"Mein Mandant hat mich immer wieder angeschrieben, dass ich etwas versuchen soll. Schließlich hat er mir einen Kontakt genannt, über den ich zu den chemischen Pathologiespezialisten der Uni München gelangt bin", erzählt Anwalt Wolfmair.

Im Gegensatz zum Gerichtsgutachter (Urinprobe) werteten sie eine Blutprobe aus, um die aufgenommene Menge Strychnin in Hirtzbergers Körper zu errechnen.

"Ich hatte von Anfang an meine Zweifel. Nun haben die Spezialisten errechnet, dass das Opfer fünf Gramm des Giftes zu sich genommen haben muss. Das ist eine Menge, die nicht in die Praline hineinpasst. Nicht einmal, wenn man vorher die Kirsche entfernt. Denn das Gift würde mindestens so viel Platz benötigen wie ein Stück Würfelzucker", kombiniert der Anwalt.

Osberger, seit kurzer Zeit in der Justizanstalt Krems/Stein, schöpft jedenfalls neue Hoffnung. Gesundheitlich geht es ihm nicht gut. Er soll am Rücken operiert werden, will den riskanten Eingriff aber erst wagen, wenn er in Freiheit ist und den Arzt selber wählen kann.

Alte Wunden

In der Wachau wird die Aktion Osbergers noch unterschiedlich kommentiert. "Ich glaube, dass die Nachricht noch zu frisch ist, als dass man die Stimmung in der Gemeinde abschätzen könnte. Das andere sind die rechtlichen Möglichkeiten, die jeder hat", sagt der Nachfolger Hirtzbergers als Spitzer Bürgermeister, Andreas Nunzer.

Daher schwankt derzeit die Meinung zwischen, "ich glaube, die Menschen haben bei uns mit dem Thema abgeschlossen" und "alte Wunden werden bei der Familie und vielen Menschen im Ort auf jeden Fall wieder aufgerissen", meinten Spitzer auf Nachfrage des KURIER.

Christian Hirtzberger, der Bruder des Opfers, stellt für die Familie klar: "Die Suche nach dem Täter steht und stand für uns nicht im Vordergrund und beschäftigt uns nicht. An dem Drama für die Familie und für die Region, weil so eine wichtige Persönlichkeit allen fehlt, ändert sich dadurch nichts."

Gutachten: Bluttest kontra Urinprobe

Nach dem Kriminalfall Aliyev gibt es nun innerhalb kürzester Zeit bereits das zweite Gerichtsverfahren, in dem Zweifel an den medizinischen Gutachten aufkommen. Beim kasachischen Ex-Botschafter Rakhat Aliyev geht es um die Todesursache und die Frage, ob es Suizid oder Mord war. Beim ehemaligen Bürgermeister von Spitz, Hannes Hirtzberger, steht die Vergiftung durch ein Mon Cheri zur Debatte.

Der Gerichtsmediziner Christian Reiter analysierte damals etwa zwei Wochen lang den Urin des Vergifteten, um auf die Menge des konsumierten Strychnin im Bonbon schließen zu können. Er kam auf einen Wert von 700 mg. Diese Menge könnte mit einer Spritze in ein Mon Cheri injiziert werden.

Wobei in die Berechnung der Abbauquotient des Giftes über den Urin miteinbezogen wird, wie sich der KURIER von Experten erläuterten ließ. Das funktioniert ähnlich wie bei der Bestimmung der Alkoholisierung eines Menschen zu einem zurückliegenden Zeitpunkt. Im Durchschnitt (das hängt vom Körpergewicht und anderen Faktoren ab) baut der Mensch pro Stunde 0,1 Promille Alkohol ab.

Umgelegt auf das Strychnin ging Reiter von einer durchschnittlichen Ausscheidungsquote von rund sechs Prozent aus und rechnete auf eine Gesamtmenge von 700 mg Strychnin hoch, die Hirtzberger unbewusst zu sich genommen haben muss.

Genau da hakt nun das vom Verteidiger des verurteilten Helmut Osberger in Auftrag gegebene Privatgutachten ein: Matthias Graw von der Ludwig-Maximilians-Universität München stellt fest, „dass aus forensisch-toxikologischer Sicht Kalkulationen auf Grundlage eines Urinbefunds per se zweifelhaft“ seien. Es könne dabei nämlich auch der „Konzentrierungsgrad des Urins“ eine Rolle spielen.

Außerdem sei die Ausscheidungsquote von der aufgenommenen Menge abhängig, was der österreichische Kollege nicht beachtet habe.

Blutprobe

Der deutsche Rechtsmediziner kommt bei seiner Analyse der Blutprobe auf eine viel höhere Menge Strychnin, nämlich auf fünf Gramm. Diese Menge ließe sich aber unmöglich in einem Mon Cheri unterbringen. Die Beweiskraft der Berechnung erschöpft sich im Gutachten allerdings in der lapidaren Feststellung: „Die Befunde lassen sich unter Berücksichtigung der Literatur und den Kenntnissen der Pharmakokinetik des Strychnin nicht mit der Aufnahme einer Dosis von 700 mg, sondern einer Menge in der Größenordnung von 5 g erklären.“