Chronik | Niederösterreich
05.12.2011

Kanzler beglich Ehrenschuld

Werner Faymann arbeitete mit St. Pöltens roten Promis eine verlorene Wahlwette ab. Von 276 auf 594 Meter Seehöhe.

Forellen springen in der Traisen, Schwäne paradieren, ein laues Lüfterl weht und der Himmel über St. Pölten ist wie ausgeputzt. Aber der Vormittagsverkehr am Radweg ist dicht. Für Leistungsbiker wirkt eine 20-köpfige Wandergruppe wie ein Panzer auf der Autobahn. "Schleicht's eich auf die Seiten, Depperte", brüllt einer im Vorbeifahren. "Heast Oida", mahnt sein Trainingspartner Ruhe ein. "I glaub, der Klane do vurn, des wor da Bundeskanzla." Peinlich richtig getippt.

Was macht Werner Faymann nach der Reichensteuer-Aufregung und dem ORF-Sommerverhör? Auszeit nehmen. Wandern in St. Pölten. Sieben Stunden lang löste sich der Kanzler Mittwoch von den Regierungsgeschäften, um in der roten Hochburg eine verlorene Wahlwette einzulösen. Rund 52 Prozent hatte er Stadtchef Matthias Stadler beim Gemeinde-Urnengang zugetraut, dieser und Nationalrat Anton Heinzl tippten auf mehr als 55. Geworden sind es knapp 57.

"Wettschulden sind Ehrenschulden", erklärt Faymann. "Bei so einem Wahlresultat mach' ich gerne im Kabinett den Terminkalender frei." Route: Von Harland (276 Meter Seehöhe) auf die Rudolfshöhe (594 Meter). Mit Symbolkraft für die Regierung: Lange Mühen der Ebene, gefolgt von einem kurzen, steilen Aufstieg.

Begeistert

"Schön habt ihrs da. Wunderschön", attestiert der Kanzler. Im Gegensatz zu Schwergewicht Heinzl - "des Wandern is net mei Branche" - lässt Faymann alpine Begeisterung durchklingen. "Liebend gern" sei er in den Bergen unterwegs, winters auf Skitouren, sommers bis hin zur Kletterei, "wenn mich wer führt". Um Gottes Willen, entfährt es Stadtvize Susanne Kysela. "Na, des wär nix für mich mit meine Knia."

Nach einem zarten Wiesenanstieg wartet beim Holzerhof eine Labestation. Der Kanzler genießt Spritzmost und erzählt über seinen Sardinien-Urlaub, wo er zwei Tage lang mit Merkel & Co. "wegen dem Euro" telefonieren musste. "Aber das gehört dazu. Dafür gibt's wieder Ausgleich - so wie heute." Der Holzerbauer nimmt den Stadtchef in Beschlag, eine Straße soll her, flugs ist der Baudirektor am Handy und ein Termin fixiert. So spielt sich Politik ab.

Nächste Station: Traumblick auf St. Pölten und eine Kuhherde in Griffweite. "Lieb sind's", findet der Kanzler. "Und g'scheit. Da versucht auch schon jede die Erste beim Zaun zu sein."

Faymann plaudert höchst entspannt. Nur sein Pressemann ist mit, keine Security. "Da sieht man, in welch tollem Land wir leben. Mein spanischer Kollege ist dauernd umzingelt. Beim Joggen wird sogar der Weg gesperrt und 20 laufen mit."

Schweinsbraten

Nach zweieinhalb Stunden ist die Ochsenburger Hütte erreicht. Wirt Josef König trägt in der Krachledernen ein Bratl auf. "Der Kaiser Franz Josef war schon da, aber ein Bundeskanzler noch nie", sagt er. Faymann nimmt ein "Fluchtachterl" in Rot und bedankt sich im Hüttenbuch für "den besten Schweinsbraten aller Zeiten", ehe der Tross absteigt.