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Justizanstalt Krems-Stein
06/02/2014

Suizid in Gefängnis-Zelle wirft viele Fragen auf

Auslöser könnte laut Mithäftlingen Missbrauch durch Zellengenossen sein. Hat die Justiz ein 21-jähriges Opfer sich selbst überlassen?

von Nihad Amara, Ricardo Peyerl, Gilbert Weisbier

Ein psychisch kranker Häftling wird in der Justizanstalt Krems-Stein so vernachlässigt, dass ihm Bandagen einwachsen und eine Blutvergiftung droht. Ein Video aus dem Häf’n Suben zeigt, wie ein Beamter auf einen Häftling einschlägt, während vier Kollegen zuschauen und ihn decken. Von Systemfehlern sprach Justizminister Wolfgang Brandstetter, der die Gefängnisverwaltung neu aufstellen will.

Jetzt ist die Anstalt Stein erneut in den Schlagzeilen: Es geht um den Suizid des 21-jährigen Häftlings Manuel S. in einer Zelle und um die Frage, ob das zu verhindern gewesen wäre.

Manuel S. hatte wegen schwerer Körperverletzung drei Jahre Haft ausgefasst. Nach einer Zwischenstation in Sonnberg kam er im April nach Stein. In Sonnberg waren die Justizwachebeamten mit dem durchtrainierten Wiener, der übergriffig gewesen sein soll, überfordert.

Krems-Stein platzt aus allen Nähten. Einzelzellen sind zwar Standard, wenn der Platz eng wird, müssen die Gefangenen aber zusammenrücken.

S. teilte sich eine Zelle mit einem Häftling. Von Donnerstag auf Freitag gerieten die beiden aneinander. S. kam in die Krankenabteilung, sein Mithäftling, der den Alarmknopf gedrückt hatte, wurde verlegt.

Stunden später erhängte sich S. in seiner Zelle, in der er nun alleine war. Was sich zwischen den Häftlingen abgespielt hat, ermittelt derzeit der Staatsanwalt in Krems.

Zwei Versionen

Im Raum steht laut anderen Mithäftlingen der Verdacht, dass S. sexuell missbraucht wurde. Eine Obduktion soll das klären. Bewahrheitet sich das, könnte die Anstaltsleitung in Erklärungsnot geraten: Denn S. wurde nach dem Vorfall sich selbst überlassen. Dem steht die Aussage des Zellengenossen entgegen: Dieser gab an, er sei selbst sexuell bedrängt worden.

Die nach dem Fall des verwahrlosten Häftlings unter Druck geratene Anstaltsleitung von Krems-Stein und die Vollzugsdirektion zeigten sich betroffen und wollen die Obduktion abwarten. "Es ist tragisch, wenn ein so junger Mann nicht mehr am Leben ist", sagt Anstaltsleiter Bruno Sladek. Mitgefangene hätten erzählt, dass sich seine Freundin von ihm getrennt habe. Auch das kommt als Auslöser in Betracht.

Michael Timm, Sprecher der Vollzugsdirektion, die Ende des Jahres aufgelöst werden soll: "Wir haben erfahrene Leute vor Ort. Denen kann man zutrauen, dass sie die Lage richtig einschätzen. Bei dem Häftling gab es keine Auffälligkeiten in Richtung Selbstmordgefahr."

Stunden zuvor hätten Ärzte keine äußeren Verletzungen festgestellt. Und das obligatorische "Suizid-Screening" ergab kein Risiko. Seinen Betreuern vom sozialen Dienst habe der Häftling laut Anstaltsleiter "den Eindruck vermittelt, dass er gut drauf sei". Der Gefangene habe auch an einer Anti-Gewalt-Therapie teilgenommen.

Am 2. Juli wäre Manuel S. 21 Jahre alt geworden.