Chronik | Niederösterreich
05.12.2011

Justiz-Urgestein zieht den Talar aus

Der Fall Fritzl machte ihn weltbekannt: Jetzt geht Gerhard Sedlacek, Erster Staatsanwalt von St. Pölten, in Pension.

Man darf die grauslichen Dinge emotional nicht an sich heran lassen und muss akzeptieren, dass man nicht alles durchbringt." Für Gerhard Sedlacek, 61, galt ein Berufsleben lang der EAV-Refrain "das Böse ist immer und überall". Jetzt ist Schluss mit Anklage. Der Erste Staatsanwalt und Mediensprecher am Landesgericht St. Pölten geht mit 1. Dezember in Pension und als Freizeitkapitän an Bord. Nicht ohne einen großen Kriminalfall prozessreif zu hinterlassen.

Bananenschachteln türmen sich an der Bürowand. Persönliches Auszugsgut? Mitnichten. "Da ist mein letzter Akt drin". Verdacht des Millionenbetruges mit Eintragungen in dubiose Firmenregister. 1500 Geschädigte, sieben Verdächtige aus Ostösterreich und Deutschland. Einer wie Sedlacek tritt nicht mit einer Pimperlcausa ab.

Kommt man als Staatsanwalt auf die Welt? Breites Lachen öffnet den Vollbart. "Das wär' lustig, aber - nein. Eigentlich wollt' ich als Taferlklassler Traktorfahrer werden." Während des Studiums habe er die Justiz entdeckt. "Mir hat es imponiert, dass mich da niemand nach einem Parteibuch fragt, das ich nie hatte."

Paukenschlag

U-Richter, Haftrichter, Bezirksrichter zwischen Hainfeld und Haag bis 1980, dann Endstation Staatsanwaltschaft. Warum? "Man kommt als erster zu Straftaten und kann gestaltend wirken." Ein Paukenschlag gleich zu Beginn: Eine Bäuerin ersticht im Bezirk Tulln eine 16-jährige Lolita, zerstückelt und vergräbt sie. "20 Jahre hat sie gekriegt". Es folgen Herausforderungen wie Serienbankräuber "Pumpgun-Ronny", die Gasexplosion Wilhelmsburg und der Inzestfall in Amstetten. "Der ist buchstäblich über uns herein gebrochen."

Sedlacek lieferte souveräne Auftritte als Mediensprecher ab. "In Seminaren haben wir ganz was Elementares gelernt: Dass man nicht auf jede Frage eine Antwort geben muss." Erfahrung aus dem Jahrhundertfall? "Nicht alle Journalisten verfügen über das gleiche Ethos."

Aggressive Bürger

Ein Multitasking-Alltag: Im Schnitt laufen 40 Verfahren parallel. Nur 25 Prozent landen tatsächlich vorm Richter, die Bürger sind mehr als hellwach. "Die Zahl jener, die sich ungerecht behandelt fühlen, steigt und die Leute werden immer aggressiver."

Was jetzt? Als Obmann des Emmersdorfer Hafenverein-Dachverbandes wird Sedlacek öfter sein Kajütboot "Petra" entern, das Reisehobby beleben - "in Europa gibt's noch so viel zu sehen" - und daheim in Lilienfeld den Blaumann machen. "Bis auf Wasserinstallationen hab' ich mir alles abgeschaut." Ach ja: Die Justiz lebt jeden ersten Montag im Monat bei einem "Standgericht" mit pensionierten Gerichtskollegen weiter.