Im Reich der Gartenzwerge

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Vor gut 100 Jahren entstand der erste Schrebergarten in Österreich. Deren Beliebtheit ist bis heute ungebrochen.

Wennst eigene Salat­happeln hast und die mit denen aus dem Supermarkt vergleichst – da liegen Welten da­zwischen", sagt Herr Walter. "Jawoi", bekräftigt Gartennachbar Horstl. "Des ganze künstliche Zeug kannst vergessen. I hab’ Salat, Paradeisstauden und damit a Aufgab’." Die Herren im Pensionsalter scharen sich um das im Wind flatternde Konterfei von Josef Riederer. Wenn der Präsident des nö. Kleingartenverbandes daheim in St. Pölten die Fahne hisst, ist Saisoneröffnung.

Beim ASV Stattersdorf ist die grüne Welt noch in Ordnung. 72 urige Holzhütten stehen hier, keine kleine Villen mit 90 m² Wohnfläche, keine Baumarkt-Ware wie in vielen neuen Stadtrand-Anlagen. Da halten noch Gartenzwerge stumme Wacht und statt protziger Swimmingpools hat man hier noch Vogeltränken.

"Es gibt ständig Diskussionen über die Zukunft des Kleingartens", berichtet Riederer. "Aber ich sage: Zum Wohle des Grundgedankens wollen wir keine Ersatzsiedlungen schaffen." Schließlich sollten Grünparadiese "leistbar bleiben". Jungfamilien mit Wohnung hätten "keine Chance, 30, 40.000 Euro für ganzjährig bewohnbare Häuser hinzublättern."

Garteln im Anzug

„Keine Ersatzsiedlungen“: Gärtner-Präsident Riederer lehnt ganzjährig bewohnbare Mini-Villen ab, Grünparadiese müssten "leistbar bleiben".
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Der Präsident, "bei uns im Grätzl" Sepp genannt, tritt im Sakko zur Gartenarbeit an oder gar im Anzug. Keine Attitüde, sondern Pragmatik nach einem Berufsleben als Man­datar und Gewerkschafter. "I hab’ so viel G’wand im Kasten, das muss i auftragen." In seiner "Präsidentenvilla" verfügt der 68-Jährige über 20 m² Wohnfläche und er ist vermutlich der einzige Präsident Österreichs, der zwei Mal im Jahr "Häusl­dienst" schieben muss – im Gemeinschaftsklo.

Alle rühmen die "so­ziale Gemeinschaft" zwischen den Rabatten. Wie am Berg ist man von 18 bis 82 per Du. Kurzum, so Herr Friedl: "Einer hilft dem anderen – vorausgesetzt, des Werkzeug kummt retour."

"Der Garten soll einen gefälligen Eindruck machen" lautet das präsidiale Leitbild. Man möge auch "eine Ecke machen, wo sich die Natur verbreitern kann". Dass Kleingärten wie früher zur Gemüse- und Obstzucht genutzt werden, sei ohnehin "am Vormarsch in Zeiten, wo man ständig von Lebensmittel-Skandalen hört".

Historie Der Klein- oder Schrebergarten geht auf den deutschen Arzt Daniel Gottlieb Moritz Schreber zurück. Er lebte von 1808 bis 1861 in Leipzig und wollte als Reaktion auf die Industrialisierung Grünflächen für Kinder fördern. Sein Schwiegersohn, der Schuldirektor Ernst Innozenz Hau­schild, gründete dann den ersten Schrebergartenverein in Leipzig. Neben Spielmöglichkeiten gab es "Kinderbeete". Die Kleinen ver­loren aber an der Pflege rasch das Interesse und schließlich mussten das die Eltern übernehmen.

Die Idee vom kleinen Garten zur Erholung und zum Gemüseanbau kam auch nach Österreich. 1904 wurde der "Heimgarten" in Deutschwald bei Purkersdorf in Niederösterreich gegründet. Mit Ende des Ersten Weltkrieges gab es nur in Wien 10.000 Kriegsgemüse­gärten und 6000 Schrebergärten.

Der Zentralverband der Kleingärtner und Siedler Österreichs ist der 1916 gegründete Dachverband und die Interessensvertretung der Kleingärtner in Österreich. Im Zentralverband der Kleingärtner sind derzeit fünf Landesverbände mit 384 Ver­einen und insgesamt 39.234 Mitgliedern organisiert.

Erstellt am 07.04.2012