"Ich habe noch alle Zehen"

Extremalpinistin Gerlinde Kaltenbrunner im KURIER.at-Interview über die Entbehrungen des Bergsteigens, Kinder und Badeurlaube am Meer.

KURIER.at: Sie sind die einzige österreichische Extrembergsteigerin. Warum, glauben Sie, gibt es nicht mehr Frauen in dem Bereich?
Gerlinde Kaltenbrunner: Diese Frage habe ich mir schon ein paar Mal gestellt… Es ist halt so, dass das Bergsteigen mit etlichen Entbehrungen zu tun hat. Und es liegt in der Natur der Frau, dass diese irgendwann Mutter werden möchte. Für mich ist es mit einem Kind nicht mehr zu verantworten, monatelang auf Expedition zu gehen und dieses alleine zu lassen.
Der zweite Grund ist vielleicht, dass viele Frauen nicht so gerne so lange in einem Zelt schlafen, vor allem nicht bei der Kälte …

Und Sie sind da anders?
Ich bin ganz langsam ins Extrembergsteigen hineingewachsen. Und habe gespürt, dass das genau meines ist. Sicher, es ist oft beißend kalt, aber diese Momente am Gipfel oder die wunderschönen Sonnenaufgänge sind dann so toll, dass man die ganzen Entbehrungen und beschwerlichen Aufstiege sofort vergisst.

Eigentlich wie nach der Geburt eines Kindes …
(lacht) Ja, fast!

Haben Sie eigentlich noch alle Ihre Zehen, oder sind diese bereits Opfer von Erfrierungen geworden?
Zum Glück habe ich noch alle. Ich bin aber auch sehr achtsam und diszipliniert, trinke am Berg enorm viel. Wenn man die Zehen nicht mehr spürt, muss man einfach sofort reagieren.

Sind Frauen für solche Zeichen empfänglicher?

Vielleicht horchen Frauen besser in ihren Körper als manche Männer …

Trainieren Sie die nötige Abhärtung für Expeditionen?
Für meinen Körper mache ich viel Ausdauersport. Das Um und Auf ist aber, dass man sich vom Kopf her darauf einstellt, dass es schwierig werden oder eben sehr kalt sein kann.

Was war Ihr bisher schönstes erreichtes Ziel?
Es gab ein paar wunderschöne Erlebnisse. Zum Beispiel die Besteigung des
Kanchenjunga (Anm: der dritthöchste Berg der Erde) oder des Nanga Parbat. Was aber über allen Gipfelsiegen steht und das allerbeste Erlebnis war, war 2005 die Rettung meines Teamkollegen Hiro Takeuchi. Dieser litt an einem Gehirnödem und wir konnten ihn zurück ins Basislager bringen, wo er überlebte.

Schon viele Extrembergsteiger haben bei Expeditionen ihr Leben verloren …
Ja, aber oft ist es auch Eigenverschulden, welches zu den Unfällen führt. Ich versuche einfach Risiken auszuschalten und Gefahren zu umgehen. Es sind aber leider auch schon gute Freunde von mir am Berg gestorben.

Beim Versuch, den 8167 Meter hohen Dhaulagiri zu besteigen, entgingen auch Sie nur knapp dem Lawinentod.
Ja, das war im Mai 2007 und das erste Mal, dass ich so richtig im Schnee gesteckt bin. Die Lawine ist völlig unerwartet aus dem Nichts gekommen und hat unsere Zelte mitgerissen. Ich bin überhaupt nicht zum Denken gekommen und dann ging sofort der Kampf ums Überleben los. Ich habe zu meinem Messer am Sitzgurt gegriffen, das Zelt aufgeschlitzt, langsam Schnee hereingeholt, bis ich gesehen habe, dass ich durch ein kleines Loch ins Freie kann. Meine Panik vor dem Ersticken war groß. Für die beiden Spanier Santiago Sagaste und Ricardo Valencia kam leider jede Hilfe zu spät.

Mit Ihnen gibt es drei Frauen, die bereits elf Achttausender bestiegen haben. Gibt es da einen Wettbewerb, wer als erster alle 14 Achttausender geschafft hat?
Nein, da gibt es keine Konkurrenz. Ich kenne beide Frauen (Anm.: die Italienerin Nives Meroi und die Spanierin Edurne Pasaban) und wir sind auch schon parallel unterwegs gewesen. Jede geht ihrer ganz großen Leidenschaft auf eigene Art nach.

Was sind ihre nächsten bergsteigerischen Ziele und Pläne? Was kommt nach den vierzehn Achttausendern?
Auf jeden Fall die Besteigung der drei noch fehlenden Achttausender, K2, Lhotse und Everest. Ich kenne alle drei Berge bereits, was natürlich von Vorteil ist. Ende März fliege ich nach Nepal, um ein drittes Mal den Aufstieg auf den Lhotse in Angriff zu nehmen.
Wenn ich dann alle Achttausender geschafft habe … mit dem Bergsteigen werde ich auf keinen Fall aufhören. Aber bis dorthin ist es noch ein weiter Weg, das lasse ich mal auf mich zukommen.

Haben Sie Ihren Mann (Anm: Ralf Dujmovits) auch in den Bergen kennengelernt?
Ja, am Manaslu auf 5000 Metern. Wir haben da zusammen einen Tee getrunken, das war 2002. Ein Jahr später sind wir zusammen auf Expedition gegangen, was sehr schön war.

Wie stark ist nach einer langen Reise der Kulturschock?
Schon sehr arg. Zum Beispiel die Umstellung nach meinem Aufenthalt in Pakistan. Hier bei uns ist alles so mit Reichtum überfüllt, das ist schwer zu verkraften.

Wie sind Sie zum Bergsteigen gekommen?
Eigentlich durch unseren Pfarrer in meiner oberösterreichischen Heimatgemeinde Spital am Pyhrn. Mit der Jugendgruppe sind wir oft bergsteigen gewesen, mit 13 Jahren habe ich dann erste leichte Klettertouren unternommen.

Was bedeutet eigentlich Ihr Spitzname "Cinderella Caterpillar"?
Kasachische Bergsteiger haben mir diesen Namen gegeben. Das war am Nanga Parbat. Erst haben sie mir als Frau nichts zugetraut, als ich dann aber die Spur gezogen habe, hatte ich ihre Anerkennung – und diesen Namen.

Wie entspannt die private Gerlinde Kaltenbrunner? Kommt es vor, dass Sie sonntags mal stundenlang beim Frühstück sitzen?
Ja, das kann schon passieren, aber eher nicht am Sonntag, weil ich da meistens unterwegs bin. Aber ich nehme mir schon auch hin und wieder ganz bewusst Zeit.

Fahren Sie in Ihrer Freizeit dann auch mal ans Meer?
Ja, aber dann nicht als klassischen Badeurlaub. Zum Beispiel war ich einmal in Thailand am Meer, aber da gab es auch viele Kletterfelsen. Also, wenn schon Wasser, dann auch Felsen…

Wie viele andere Extrembergsteiger engagieren Sie und ihr Mann sich für die Nepalhilfe. Das Engagement für Nepal scheint schon fast ein Teil des Extrembergsteigens geworden zu sein.
Wenn man Jahr für Jahr viele Monate in diesem Land ist, kommt einfach das Gefühl auf, etwas zurückgeben zu wollen. Man bekommt ja auch sehr viel.
Durch die Nepalhilfe ist schon sehr viel passiert. Zum Beispiel wurde in Kathmandu ein Waisenhaus gebaut, Krankenhäuser und Schulen sind entstanden.

Wie sieht aktuell Ihr Tagesplan aus?
Im Moment ist gerade die Zeit der Vorträge. Die Fahrten zu den Veranstaltungsorten sind zwar anstrengend, aber ich mache es sehr gerne, wenn ich das Gefühl habe, den Menschen etwas zu geben.
Allerdings darf das tägliche Training nicht zu kurz kommen. Heute bin ich zum Beispiel schon fast zwei Stunden am Ergometer gesessen, am Nachmittag geht's zum Skaten und dann schon wieder los zum nächsten Vortrag. Oder ich gehe eine mehrstündige Skitour und zum Eis- beziehungsweise Hallenklettern.

Vortrag in Tulln

Übrigens: Live erleben kann man Gerlinde Kaltenbrunner am 1. März 2009 (19 Uhr) im Stadtsaal Tulln. Im Rahmen ihres Vortrages "Leidenschaft Leben über 8000" erzählt sie von ihren aktuellen Erlebnissen und Abenteuern aus dem Himalaya. Ebenso Thema: Broad Peak, K2, das Schicksal am Dhaulagiri und die Besteigung des Lhotse.
Kartenvorverkauf in allen TrafikNET Trafiken in Tulln, in der Bank Austria-CA in Tulln (Hauptplatz 21), bei Bergsport Schwanda (1010 Wien, Bäckerstraße 7) und bei Bergfuchs (1070 Wien, Kaiserstraße 15). Reservierungen unter 0676/39 39 539.

Der gesamte Erlös dieser Veranstaltung geht an die Nepalhilfe Beilngries und unterstützt den derzeitigen Schulneubau in Thulosirubari, einem kleinen Dorf 75 Kilometer nordöstlich der nepalesischen Haupstadt Kathmandu.

(KURIER.at) Erstellt am
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