"Humaner Strafvollzug ist für viele nicht up to date"

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Der 56-jährige Norbert Gerstberger ist seit 1983 Jugendrichter im Landesgericht Wien. Im KURIER-Interview spricht er über den Strafvollzug und den Wandel der Jugendkriminalität.

KURIER: Vergangenes Jahr kam es zwischen jugendlichen U-Häftlingen in der Justizanstalt Josefstadt zu massiven sexuellen und gewalttätigen Übergriffen. Wie ist die derzeitige Situation?
Norbert Gerstberger:
Aufgrund der Vorfälle ist der Großteil der jüngeren U-Häftlinge seit Jänner in der Jugendstrafanstalt in Gerasdorf untergebracht.

Ist es nach diesen Vorfällen überhaupt noch zu verantworten, Jugendliche in der Josefstadt unterzubringen?
Es wurden ausreichende Maßnahmen getroffen. So wurde etwa das Personal nach den Vorfällen besonders geschult und für die Lage sensibilisiert. So ist es in diesem Jahr zu keinen weiteren Vorfällen mehr gekommen. Ganz ausschließen kann man Übergriffe und Vergewaltigungen aber in keiner Haftanstalt.

Was kann Gerasdorf besser als die Josefstadt?
Vor allem die Tatsache, dass die Jugendlichen dort Einzelzellen haben, die nachts abgesperrt werden, garantiert ihre Privatsphäre.

Die Anstaltsleiterin von Gerasdorf, Margitta Neuberger-Essenther, meint, die Gesellschaft verlange mehr Härte beim Strafvollzug. Ist das auch Ihr Eindruck?
Es hat seit dem 11. September eindeutig einen Rechtsruck gegeben. Humaner Strafvollzug, wie er etwa in Gerasdorf stattfindet, ist für viele nicht mehr up to date.

Hat sich die Jugendkriminalität in den vergangenen Jahren verändert?
Es ist eindeutig eine Brutalisierung bei den Gewalttaten festzustellen. Oft ist es vollkommen unmotivierte Gewalt, die dann Zufallsopfer trifft, etwa weil die Täter sich durch das Aussehen ihrer Opfer provoziert fühlen.

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Erstellt am 05.12.2011