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Bezirk Baden
06/09/2016

"Home Invasion" in NÖ: Zweiter Verdächtiger in Haft

85-Jähriger Mann wurde bei dem Überfall verletzt. 37-Jähriger stellte sich nun der Polizei. Halbbruder wurde Ende Mai in Wiener Neustadt verurteilt.

Mit der Verhaftung des zweiten Verdächtigen ist eine "Home Invasion" im Bezirk Baden im Juli 2015 nun endgültig geklärt. Der 37-jährige Rumäne wurde am Donnerstag in Wiener Neustadt von Kriminalbeamten am Bahnhof abgeholt: Der per europäischem Haftbefehl Gesuchte hatte über seinen Anwalt angekündigt, sich zu stellen, und wurde in U-Haft genommen, teilte die NÖ Polizei am Donnerstag mit.

Sein jüngerer Halbbruder war in seiner Heimat festgenommen und nach Österreich ausgeliefert worden. Ende Mai wurde der 28-Jährige am Landesgericht Wiener Neustadt wegen des gemeinsam verübten Raubüberfalls auf einen 85-Jährigen in dessen Haus in Hirtenberg verurteilt.

Mit geschenktem Auto "auf Besuch"

Nach Angaben der Landespolizeidirektion Niederösterreich hatte die Mutter der beiden 2013 und 2014 in dem Haus als Pflegerin der inzwischen verstorbenen Lebensgefährtin des Pensionisten gearbeitet und als Dank von dem 85-Jährigen sogar ein Auto geschenkt bekommen. Und mit eben diesem Fahrzeug kamen die Täter, wie bei der Verhandlung zu erfahren war, zu "Besuch".

85-Jähriger gefesselt und geknebelt

Der betagte Mann wurde geknebelt und gefesselt. Nachdem die Männer kein Geld gefunden und das Haus ohne Beute verlassen hatten, gelang es dem Opfer nach Stunden, sich zu befreien. Der 85-Jährige erlitt durch die brutale Behandlung Abschürfungen und Hämatome an Armen und Beinen sowie am Hals.

Praktisch nichts erbeutet

Erbeutet haben die Täter praktisch nichts. Man hatte den Überfallenen gefesselt zurückgelassen, "aber ich habe ihm eine Schere hingelegt, damit er sich befreien kann", meinte der Angeklagte Ende Mai vor Gericht. "Das hat mir auch nichts genutzt. Ich habe mich einfach aus den Fesseln herausgedreht", sagte der Pensionist dazu.

"Home Invasion" nannte der Staatsanwalt die Tat. "Die Intensität der Tatbegehung ist im oberen Drittel anzusiedeln und kann nicht verglichen werden mit einem Handy-Raub in einer Fußgängerzone", setzte der Richter damals nach. Deshalb kam auch keine teilbedingte Strafe infrage. "Sie sind in den Rahmen der Schwerstkriminalität eingestiegen", begründete der Richter das Urteil.

Der Feind im eigenen Schlafzimmer

Für die Psyche der Opfer ist es extrem traumatisierend. Die meist sehr brutalen Täter dringen in die intimste Privatsphäre ein und stehen mitten in der Nacht schwer bewaffnet im Schlafzimmer. "Home Invasion" nennt sich diese besonders skrupellose Verbrechensform, die bei Kriminellen derzeit hoch im Kurs steht.

In Niederösterreich ist die Zahl dieser speziellen Überfälle von einem Jahr auf das andere regelrecht explodiert. 2014 waren es gerade einmal zwei Home-Invasions, 2015 bereits elf. Und auch in Wien, das bis dato verschont geblieben ist, scheint dieses Verbrechen nun Schule zu machen. Nach gleich zwei Überfällen auf wohlhabende Ärzte-Ehepaare in Döbling ist die Exekutive seit dieser Woche in Alarmbereitschaft. Die Nobelbezirke werden bereits verstärkt überwacht.

Frosch-Bande

Was es bedeutet, wenn um zwei Uhr nachts mehrere maskierte Männer im Schlafzimmer stehen und wie wild auf einen losprügeln, mussten Bettina und Friedrich Mank am eigenen Leib verspüren. Das Ehepaar wurde vergangenen Juni in seiner Villa in Alland (NÖ) von der berüchtigten "Frosch-Bande" heimgesucht. Die Rumänen sind für mindestens sieben Überfälle in Österreich, der Schweiz und Deutschland verantwortlich. "Die Opfer wurden teilweise auch vergewaltigt. Bei einem Überfall in Bayern im September töteten sie einen 72-jährigen Mann", erklärt Chefinspektor Josef Deutsch vom nö. Landeskriminalamt. Die mittlerweile elf Täter warten in der Justizanstalt Wiener Neustadt auf ihren Prozess.

"Obwohl der Überfall fast ein Jahr her ist, ist an ein normales Leben nicht mehr zu denken", sagt Bettina Mank. Sie quälen Schlafstörungen und Angstzustände, das Paar schließt sich nachts im Schlafzimmer ein und verbarrikadiert die Türen. Friedrich Mank wurde von den Räubern übel zugerichtet. Er erlitt eine Gehirnerschütterung, außerdem zertrümmerten die Männer ihm den Kiefer. "Sie zwangen uns, den Tresor aufzusperren. Dann haben sie mich in die anderen Räume gezerrt, weil sie noch mehr wollten", sagt Friedrich Mank (72). Die Männer ließen ihre Opfer gefesselt zurück.

Drei Wochen später blickte Martha Postl (69) in ihrem Bett in den grellen Lichtschein einer Taschenlampe. Die "Frosch-Bande" hatte die Pensionistin im Schlaf in ihrem Haus in Puchberg am Schneeberg überrascht. Vergessen kann sie das traumatische Ereignis nicht. Ihre linke Gesichtshälfte ist von den wuchtigen Schlägen immer noch taub. "Ich habe jetzt die Fenster vergittert und einen Hund. Aber die Angst ist immer noch da. Das wird auch nicht mehr", erzählt Postl.

Tipps

Hundertprozentigen Schutz gibt es keinen, allerdings hat die Polizei wichtige Tipps. Generell werden Häuser ohne Alarmanlage von Kriminellen öfter heimgesucht als jene mit. "Beim Zusammentreffen mit Tätern im Haus oder der Wohnung ist es wichtig, zu kooperieren und keine Gegenwehr zu leisten. Auf ein aggressives Entgegentreten reagieren Kriminelle meist mit noch größerer Brutalität", erklärt Deutsch. Gerade bei Home-Invasion werden meist ältere Menschen als Opfer ausgewählt, weil von ihnen kaum Gegenwehr zu erwarten ist.

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