Chronik | Niederösterreich
27.05.2017

Goldgräberstimmung im Winzerdorf

Immer mehr Ausflugsmagnete siedeln sich an und treiben die Besucherzahlen in die Höhe.

Eines der interessantesten Ausflugsziele Niederösterreichs liegt versteckt im Kamptal. Noch knapp vor dem Ziel fährt – oder wandert – man kilometerweit durch Wald und Weingärten. Erst, wenn man viele bis zu mannshohe, zyklamfarbene Blumentöpfe sieht, ist Schiltern bei Langenlois, Bezirk Krems, mit seinen 700 Einwohnern erreicht. Sie haben sich inzwischen an 200.000 Besucher pro Jahr gewöhnt. Ausgelöst von zwei der außergewöhnlichsten Schaugärten Österreichs. Kürzlich sind auch noch ein exzellenter Bierbrauer und eine große Modelleisenbahn-Anlage dazu gekommen.

"Bei uns herrscht Goldgräberstimmung", strahlt Harald Groll, Ortsvorsteher des Weinortes. Nicht nur er rechnet damit, dass sich schon bald weitere Firmen ansiedeln, die noch mehr Ausflugsgäste anziehen. Groll: "Das ist möglich, weil alle Beteiligten an einem Strang ziehen."

Anfänge

Dabei war der Start schwierig. "Ich war damals Gärtner mit Leidenschaft aber ohne Marketing-Wissen", gibt Reinhard Kittenberger, dessen Betrieb in Kürze das 35-Jährige Bestehen feiert, unumwunden zu.

Der Verein "Arche Noah", der sich im ehemaligen Schlosspark seit 27 Jahren der Erhaltung traditioneller Nutzpflanzen verschreibt, galt anfangs als Hippie-Truppe mit versponnenen Ideen. Noch heute steht mancher Winzer der konsequent biologischen Vereinshaltung skeptisch gegenüber.

Doch dann kam mit dem von Land und Gemeinde gepushten Garten-Megatrend die Wende: "Früher hat niemand Geld in einen Garten gesteckt. Heute wollen die Leute selber Gesundes anbauen und investieren unglaubliche Summen in die Gartengestaltung", resümiert Groll.

Arche Noah wurde zum Leuchtfeuer der Biogartenbewegung. Mehr als 20.000 Besucher jährlich verzeichnet die Organisation, deren Pflanzentage bei jedem Wetter überrannt werden.

Trend

Kittenberger arbeitete sich mit zähem Einsatz vom kleinen Gärtner zum Trendsetter in Sachen Gartengestaltung hoch. Seine 50.000 Quadratmeter große Anlage mit 40 Themengärten verzauberte 2016 rund 170.000 Besucher – ein Plus von 30.000 gegenüber 2015. "Gemeinsam könnten wir bald 300.000 Menschen nach Schiltern ziehen", sagt Kittenberger, der an einem Hotelprojekt feilt.

Seit kurzem hat er auch einen neuen Nachbarn: Michael Schneider eröffnete nach langer Standortsuche seine neue Spezialitäten-Brauerei. Auch auf Anraten Kittenbergers, der vorschlug, zu bauen, wo ohnehin schon 170.000 Besucher hinströmen. "Ich bin glücklich über den Platz. Es haben sich ungeahnte Synergien entwickelt", schwärmt Schneider. Dass im Schloss kürzlich eine Modelleisenbahn eröffnete, rundet das touristische Angebot ab.

"Schön, dass mehr los ist. Auch wenn zeitweise so viele Autos fahren, dass man aufpassen muss", lacht Pensionistin Anna Seli. Ihr Traum: Genug Kaufkraft im Ort, um auch ein Lebensmittelgeschäft entstehen zu lassen.