In diesem Haus ereignete sich die Tragödie

© Wammerl Patrick

Chronik Niederösterreich
10/28/2019

Frau und Kinder getötet: "Überalterte patriarchale Strukturen"

Wegen bevorstehender Scheidung soll 31-Jähriger seine Frau und seine beiden Kleinkinder getötet haben.

von Patrick Wammerl

Der elf Monate alte Bub war das einzige Opfer, dass den Angriff zunächst überlebt hatte. Montagfrüh verloren die Ärzte im SMZ-Ost aber auch den Kampf um das Leben des Babys. Damit wird gegen den 31-jährigen Samet A. nach der Familientragödie im niederösterreichischen Kottingbrunn wegen dreifachen Mordes ermittelt. Weil sich seine Partnerin von ihm trennen wollte, soll der Unternehmer Sonntagfrüh seine 29-jährige Ehefrau Tugba A. und die zweijährige Tochter mit einem Küchenmesser erstochen und anschließend versucht haben, den Säugling zu ersticken.

Wie der Tatverdächtige gegenüber den Ermittlern und seinem Strafverteidiger, Mirsad Musliu, zugab, war ein wochenlanger Streit um die bevorstehende Scheidung eskaliert. Laut dem Rechtsanwalt hat der Beschuldigte die Bluttat mit einem „Blackout“ erklärt. Strafrechtlich lag vor Sonntag gegen den Verdächtigen nichts vor. „Er war bisher unbescholten“, sagt Erich Habitzl von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt.

Ausnahmezustand

Die Bluttat reiht sich heuer in eine Serie von Beziehungstragödien. Dass ein Vater allerdings in der Lage ist, seine zweijährige Tochter mit einem Küchenmesser zu töten und den elf Monate alten Sohn zu ersticken, ist selbst für erfahrene Gerichtspsychiater ein „höchst seltener Ausnahmezustand“.

Was treibt einen Menschen zu so einer Wahnsinnshandlung? Darüber hat der KURIER mit der Psychiaterin Sigrun Roßmanith gesprochen. Als Gerichtsgutachterin mit dem Schwerpunkt „forensisch-psychiatrische Kriminalprognostik“ hat die Ärztin schon zig Mörder untersucht. Bei bevorstehenden Trennungen sei es fast immer das übliche Muster. „Je mehr jemand kränkbar und vom anderen abhängig ist, umso schwerer ist so etwas zu verkraften. Vor allem das Gefühl, den Partner zu besitzen und ihn deshalb nicht gehen zu lassen, stammt aus völlig überalterten, patriarchalen Strukturen“, so Roßmanith.

Tatwaffe

Was die Tötung der Kinder anbelangt, hat die Ärztin zwei Erklärungen parat: „Entweder der Täter rechnet die Kinder stärker der Partnerin zu und löscht ihre Leben deshalb mit aus. Oder man will sie quasi nicht alleine zurücklassen.“ Letztere Begründung hat Samet A. in den Vernehmungen auch geäußert.

Der Einsatz eines Messers gegen das zweijährige Mädchen sei mit viel stärkeren aggressiven Gefühlen verbunden, als die Tötung des Buben mit bloßen Händen. „Gerade bei sehr kleinen Kindern und Säuglingen kommt das Ersticken häufiger vor“, so die Psychiaterin.

Um den exakten Tathergang zu klären, wurde am Montag mit den Obduktionen der drei Toten begonnen. Die Ergebnisse sollen am Dienstag vorliegen. Den bisherigen Erkenntnissen zufolge war Samet A., obwohl er in Mödling geboren worden war, stark in türkischstämmigen Kreisen verwurzelt. In der Familie wurde Türkisch und nicht Deutsch gesprochen. Nach der Geburt der Tochter soll Samet A. seiner Frau vorgeschrieben haben, nur noch mit Kopftuch auf die Straße zu gehen.

Angehörige unter Schock

Die Wiener Anwältin Astrid Wagner hat in dem Fall die anwaltliche Vertretung der Opfer übernommen. Am Montag ist sie erstmals mit den Eltern der getöteten Tugba A. zusammengetroffen. Die Eltern und die Geschwister des Mordopfers sind schwer geschockt. Nach der Nachricht von der Bluttat gab es für die Angehörigen keinerlei psychologische Hilfe durch ein Kriseninterventionsteam, bekrittelt die Juristin.

„Der Tatverdächtige Ehemann hat vor längerer Zeit begonnen, einen massiven Druck auf seine Frau auszuüben. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Ehe massiv verändert“, schildert Wagner. Tugba A., die sonst im Sommer auch ärmellose Kleidung und kurze Hosen trug, durfte plötzlich nur noch mit Kopftuch gehen. Auch religiös soll er Druck ausgeübt haben, berichtet die Familie. Laut Wagner sollen auch andere weibliche Familienmitglieder unter dem Patriarchat gelitten haben.