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Chronik Niederösterreich
05/09/2012

Frau hielt 90 verwahrloste Katzen

Unter desaströsen Umständen mussten die Vierbeiner auf einem Dachboden vegetieren. Gestern erfolgte ihre Rettung.

von Philipp Kienzl

Schnell zum Tierarzt, sonst stirbt das Kätzchen!" Selbst eingefleischte Tierschützerinnen wie Andrea Stark von der Tullner Pfotenhilfe sind mit den Zuständen überfordert. „So etwas habe ich noch nicht gesehen", sagt Stark ehe sie die knapp fünf Wochen alte und unterernährte Katze in die Klinik einliefert.

Ein erschreckender Fall von „Animal Hoarding" löste gestern in Hainburg einen Großeinsatz von Tierschützern aus. Die 90-jährige bettlägrige Pensionistin Ingeborg R. hielt in ihrem Haus bis zu 90 Katzen, die genaue Anzahl der Tiere ließe sich nur grob schätzen, hieß es.

Beißender Uringestank, zentimeterhoch aufgetürmter Kot und Katzenkadaver demonstrieren das Tierleid, das sich in den letzten Jahren auf dem Dachboden abgespielt haben muss. „Hier ist die Kacke wortwörtlich am Dampfen", sagt einer der Helfer trocken, nachdem er ein Kätzchen aus dem aufgeheizten Dachboden gerettet hatte. „Die Tiere sind krank, unterernährt und von Inzucht gezeichnet", schildert Stark. Zusammen mit anderen Tierschutz-Organisationen versuchte sie, die menschenscheuen Samtpfoten zwischen Gerümpel einzufangen. Mit Futterfallen und Netzen gingen die Tierfreunde ans Werk.

Tierquälerei

„Was aus falsch verstandener Tierliebe beginnt, führt oft zu Realitätsverlust und möglicherweise Tierquälerei. Eine sofortige Abnahme der vielen Tiere ist dann nötig", beschreibt Martina Langanger-Kriegler von der Landesabteilung Tierschutz die unkontrollierte Haustierhaltung.

„Die Tiere sind nicht vermittelbar, wir werden sie nach der Kastration auf Gnadenhöfen in Niederösterreich und Oberösterreich unterbringen", skizziert Stark. Bezirkshauptmann Martin Steinhauser betont, dass die zuständigen Stellen nach Bekanntwerden der Missstände aktiv geworden sind. „Wir sind in solchen Fällen als Behörde gefordert. Der Amtstierarzt hat die Situation umgehend überprüft." Das junge Kätzchen überlebte übrigens dank der schnellen Hilfe durch die Tierschützer.

„Tiere sind Beziehungsersatz“

Betroffene projezieren ihre Sehnsüchte auf die Tiere", erklärt die Präsidentin des Psychotherapieverbandes, Dr. Eva Mückstein, das Phänomen Animal Hoarding. „Die Menschen sehen ihre Haustiere als Beziehungsersatz. Katzen, Hunde und Vögel werden dabei vermenschlicht", so die Psychotherapeutin. Fehlende Sozialkontakte und Isolation gelten häufig als Ursache. Oft tritt das Horten von Tieren in Zusammenhang mit einem Verwahrlosungssyndrom der Halter auf. Sprich: Wohnungen und Häuser gleichen Schlachtfeldern, Exkremente werden von den Besitzern nicht mehr entfernt.

Therapeutische Maßnahmen gestalten sich laut der Expertin schwierig. „Die Patienten selbst müssen motiviert sein, ihr Leben verändern zu wollen." Durch die oft jahrelang gewachsenen Muster gelten die wenigen Fälle für professionelle Hilfeleistungen kaum zugänglich. „Je älter der Patient, umso schwieriger gestaltet sich die Behandlung", so Mückstein. Durch psychiatrisch geschultes Fachpersonal müssen die Betroffenen erst das Vertrauen zu Menschen aufbauen.

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