Chronik | Niederösterreich
25.05.2017

Flüchtlinge bei Familien:"Begrüßungsküsse sind normal"

Junge Flüchtlinge lernen bei Pflegefamilien den Alltag in Österreich kennen.

Als Noor Ahmad im Herbst 2016 bei Barbara Magagna und ihrer Familie in der Hinterbrühl, NÖ, einzog, war er sich nicht sicher, ob es ihm gefällt. Ein Hund im Haus? Dessen Speichel gilt für einen gläubigen Moslem doch als unrein. Und was soll das, dass Barbara männliche Freunde der Familie umarmt?

"Mittlerweile geht er mit unserem Hund laufen, halt mit Handschuhen. Und inzwischen darf ihn auch meine Tochter freundschaftlich umarmen", erzählt Barbara lachend. Noor ergänzt: "Ich fühle mich wie zu Hause."

Als im Jahr 2015 zahlreiche Flüchtlinge nach Österreich kamen, entschieden sich die Magagnas zu helfen. Barbara, die selbst drei Kinder hat, und ihr Lebensgefährte nahmen zwei junge Burschen aus Afghanistan als Pflegekinder bei sich auf. Mittlerweile haben sie sich mit anderen Pflegefamilien vernetzt und wollen weitere animieren, sich ebenfalls zu engagieren (siehe Zusatzbericht).

"In einer Familie funktioniert die Integration einfach besser", erklärt Barbara. Der Spracherwerb funktioniere von alleine und sobald die Burschen im Alltag mit Österreichern zu tun hätten, würden sie rasch lernen, wie es "hier wirklich so ist". In einer Flüchtlingsunterkunft blieben die Jugendlichen hingegen eher unter sich und würden vorwiegend in ihrer Muttersprache sprechen.

Für Noor, oder Noori, wie ihn seine Pflegefamilie nennt, ist das Konzept aufgegangen. Er ist leidenschaftlicher Marathonläufer, geht gerne klettern und besucht die HAK Baden. Für Barbaras Sohn ist er ein ernst zu nehmender Tischtennis-Gegner. Sein afghanischer Pflegebruder eröffnete mit Barbaras Tochter sogar einige Hofburg-Bälle.

"Ich habe das Gefühl, ich kann mit Barbara wie mit meiner Mutter reden", sagt der 18-Jährige. "Es gibt sicher ein paar Dinge, die ich nicht mag, die bei uns verboten sind", erzählt er. Etwa Begrüßungsküsschen. "Ich weiß aber jetzt, dass das normal ist." Österreich schätze er sehr. "Es gefällt mir, weil hier alles rechtens ist. Man darf reden und seine Meinung sagen. Demokratie finde ich gut."

Natürlich ist das Zusammenleben nicht immer leicht. "Es ist ein Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen", räumen Barbara und ihr Lebensgefährte Günter Eichberger ein. Dass man sich auch mit den Bräuchen der Pflegekinder auseinandersetzen müsse, sei klar.

Konsequenz

Schwierigkeiten bereite etwa das Bild, dass die Jugendlichen von Frauen haben, sagt Heinz Kumpf, ebenfalls ein Pflegevater im Netzwerk und "Papa" von Noors bestem Freund Imat. "Man spürt, dass sie ein Problem damit haben, wenn Frauen sich anders verhalten." Doch in diesen Situationen helfe es, darüber zu reden und seinen Standpunkt zu vertreten, dass in Österreich Frauen nicht anders behandelt werden, meint er. Da müssten sich die Jugendlichen fügen. "Genauso, wie es einen eigenen Schinken-Teller für Imat gibt, ist klar, dass ihn Frauen hier küssen", stellt Heinz klar. Den Jugendlichen würden in der Familie Grenzen gesetzt und anerzogen. "Durch das Reden fangen die Jugendlichen an, gewisse Dinge zu hinterfragen", ergänzt Günther. Das seien sie vielfach nicht gewohnt gewesen.

Lösungen würden sich finden. Wie die Sache mit dem Hund und den Handschuhen. Wichtig, da sind sich die Pflegeeltern einig, sei es Geduld zu haben. "Man soll nicht erwarten, dass alles ad hoc funktioniert. Es ist ein langer Anpassungsprozess." Was man zurückbekomme, meint Heinz, sei ein Einblick in eine andere Kultur. Und auch die eigene Familie würde profitieren. "Bei uns wird jetzt viel mehr diskutiert", sagt Barbara.

Helfer wollen sich vernetzen

Rund 60 Familien haben in NÖ seit 2015 minderjährige Asylwerber aufgenommen, aktuell sind es 30.

Barbara Magagna und zehn weitere Familie haben so gute Erfahrungen gemacht, dass sie nun mithilfe der Initiative „Zuflucht Familie“ diese Art der Betreuung bekannter machen wollen. Dazu komme, so die Helfer, dass sie günstiger komme. So zahlt etwa das Land NÖ pro Minderjährigem, der in einer Wohngemeinschaft untergebracht ist, 95 Euro pro Tag; pro Pflegekind in einer Familie hingegen rund 23 Euro. Schließlich muss keine dahinterstehende pädagogische Struktur gezahlt werden. Interessierte können sich in NÖ beim Land melden.

Dort wurde vor eineinhalb Jahren ein entsprechendes Programm entwickelt, das vom Arbeiter-Samariter-Bund und vom Verein menschen.leben umgesetzt wird. „Wenn es zusätzlichen Bedarf gibt, wird sich das Land diesem nicht verschließen“, sieht Landesrat Maurice Androsch, SPÖ, die Initiative positiv.
„Es geht uns darum, uns zu vernetzen und um den Erfahrungsaustausch“, sagt Magagna. Der habe ihr bisher ein bisschen gefehlt. Ein Anliegen ist der Initiative auch die Weiterbetreuung jener Jugendlicher, die 18 werden. Als Volljährige erhalten sie nämlich nur noch die Grundsicherung sowie einen geringen Mietzuschuss. Eine Ausbildung sei damit kaum leistbar. Die Kostendifferenz soll mit Spenden gedeckt werden.

www.zufluchtfamilie.at