Polizei am Tatort in Marchegg.

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Familienvater tötet Frau und Tochter
03/27/2013

Familienvater tötet Frau und Tochter

Der 47-Jährige richtete sich nach der Tat selbst. Die älteste Tochter überlebte, weil sie nicht daheim war.

von Matthias Hofer

Amoklauf? Geiselnahme? In einem Haus in Marchegg, Bezirk Gänserndorf, könnte es eine dramatische Entwicklung geben. Im Objekt befinde sich ein psychisch labiler Mann mit Waffen. So lautete die erste Meldung, die Mittwochvormittag bei der Polizei einging. Die Sondereinheit Cobra rückte an. Im Haus wurden wenig später drei Menschen gefunden. Der Hausherr, seine Gattin und die Tochter - alle waren tot.

Was spielte sich davor ab? Sonja B., eine 48-jährige Bautechnikerin, war nicht wie gewohnt an ihrem Arbeitsplatz in Marchegg (NÖ) erschienen. Da ihr Arbeitgeber, Baumeister Harald F., seine Mitarbeiterin nicht erreichen konnte, schickte er aus Sorge einen jungen Mitarbeiter zum Wohnhaus in der Emil Mückgasse in Marchegg. Dort war kein Schnee geschaufelt worden. Auch nach mehrmaligem Läuten und Klopfen mit einer Besenstange rührte sich niemand.

Sowohl der Baumeister als auch die Mutter von Sonja B. meldeten sich in großer Sorge bei der Exekutive. Chefinspektor Gerald Reichl von der Polizeiinspektion Gänserndorf holte erste Informationen über die Familie ein. Denn weder Sonja B., noch ihre 23-jährige Tochter Nicole, noch ihr Ehemann, der 47-jährige Langzeitarbeitslose Helmut B., konnten erreicht werden. Da Helmut B. über eine Waffenbesitzkarte verfügt, auf der er eine Pistole eingetragen hat und auch ein Gewehr besitzt, alarmierte Reichl die Polizeieinheit Cobra in Wien.

Nach weniger als einer Stunde waren die Sondereinheit, Notärzte, Notarzthubschrauber und Rettungskräfte vor Ort. Mit Schutzkleidung näherten sich die Männer der Spezialeinheit dem Haus. Zuvor war schon der ganze Straßenzug abgesperrt worden. Um 11.36 Uhr drangen die Mitglieder der Sondereinheit in das Einfamilienhaus ein. Raum für Raum musste in dem dreigeschoßigen Haus gesichert werden. Dabei stießen die Polizisten im Erdgeschoß auf die leblose Sonja B., im Dachgeschoß auf Helmut B. und seine Tochter Nicole. Alle drei Familienmitglieder wiesen Schusswunden auf. Neben Helmut B. lag seine Pistole. Notärzte konnten nur noch den Tod der drei Marchegger bestätigen.

Für die Mutter der Bautechnikerin, die wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt die Szenerie beobachtete, brach eine Welt zusammen. Sie hatte bis zuletzt auf ein Wunder gehofft. Auch der Bruder von Sonja B. war anwesend, ebenso der Bruder des Täters.

Bilder: Fassungslosigkeit in Marchegg

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NIEDERÖSTERREICH: DREI TOTE BEI FAMILIENDRAMA IN M

NIEDERÖSTERREICH: DREI TOTE BEI FAMILIENDRAMA IN M

Psychisch labil

Helmut B. galt im Bekanntenkreis als psychisch labil. Für die Behörde war er aber ein unbeschriebenes Blatt. Im Alter von 37 Jahren wurde er von den ÖBB, quasi in Pension geschickt. In Gänserndorf jobbte Helmut B. einige Zeit als „Park-Sheriff“. Zuletzt ging er kaum noch einer geregelten Arbeit nach. Auch in der Öffentlichkeit zeigte er sich kaum, war bei keinem Verein Mitglied. Überlebt hat die Tragödie die 25-jährige Tochter. Sie befand sich in Wien.

In Marchegg herrscht Trauer. „Meine ganze Anteilnahme gilt der Mutter und den Verwandten der Toten“, sagte – sichtlich berührt – Bürgermeister Gernot Haupt.

Schneeweiß im Gesicht war auch Harald F., der Arbeitgeber von Sonja B., als ihn der KURIER aufsuchte: „Sie war seit September 2004 bei uns im Team, kam stets pünktlich, zeichnete Baupläne, kümmerte sich um unsere Baustellen. Ich kann mir das alles nicht erklären.“ Dann brachte er kein Wort mehr heraus. Er zeigte lediglich auf den leeren Schreibtisch seiner ehemaligen Mitarbeiterin, den zwei Blumenstöcke schmücken.

Karte

Uns waren psychische Probleme nicht bekannt

Gänserndorfs stellvertretender Bezirkshauptmann Wolfgang Merkatz ist ob der Vorgänge in Marchegg tief betroffen. Im KURIER-Gespräch nimmt er zur Tragödie Stellung.

KURIER: War bekannt, dass Helmut B. Waffen besitzt? Merkatz: Er ist seit Anfang der 1990er-Jahre Inhaber einer Waffenbesitzkarte. Das war uns als zuständiger Behörde selbstverständlich bekannt.

Gab es irgendwelche Anzeichen für Unregelmäßigkeiten? Es gibt die gesetzliche Auflage, dass Waffenbesitzer alle fünf Jahre auf ihre Verlässlichkeit zu überprüfen sind. Bei unseren Überprüfungen hat er keinerlei Auffälligkeiten gezeigt.

Sind Ihnen irgendwelche psychischen Probleme von Helmut B. bekannt gewesen? Davon haben wir heute von Pressevertretern zum ersten Mal gehört. Uns waren keinerlei psychische Probleme bekannt. Hätten wir davon gewusst, wären wir sofort aktiv geworden.

Bluttaten in der Familie

In den vergangenen Jahren haben sich in Österreich mehrfach besonders schreckliche Bluttaten innerhalb der Familie ereignet. Beginnend mit dem Blutbad von Potzneusiedl im April 2005 lesen Sie nachfolgend eine Chronologie der spektakulärsten Fälle:

23. April 2005: Ein Amokläufer zwingt einen Taxilenker, ihn von Wien aus nach Potzneusiedl (Bezirk Neusiedl am See) zu führen. Dort erschießt der 45-Jährige drei Frauen - seine Schwester, eine slowakische Pflegehelferin sowie eine Gemeindeangestellte. Es geht offenbar um Erbschaftsstreitigkeiten.

9. Jänner 2006: Ein niederösterreichischer Frühpensionist tötet nach einem Streit mit seiner Frau in Mauerbach bei Wien beinahe seine gesamte Familie. Die älteste Tochter findet ihre vier Geschwister im Alter von sieben bis zehn Jahren erdrosselt bzw. mit durchgeschnittener Kehle. Der 50-Jährige hat zuvor seine Ehefrau krankenhausreif geprügelt und begeht nach der Tat Selbstmord.

6. Jänner 2007: Ein 67-jähriger Landwirt erschießt in Schäffern (Bezirk Hartberg) seine 65-jährige Frau und den 43-jährigen Sohn, während sich seine Schwiegertochter und ihre Kinder im Obergeschoß aufhalten. Danach begeht der Täter Selbstmord. Er soll seit längerer Zeit psychische Probleme gehabt haben.

13. Mai 2008: Ein 39-jähriger PR-Berater schlachtet mit einer Axt zunächst in Wien seine 42-jährige Frau und die gemeinsame siebenjährige Tochter ab. Dann fährt er nach Oberösterreich und tötet im Einfamilienhaus seiner Eltern in Ansfelden seine 69-jährige Mutter, als ihm diese die Tür öffnet. Sein Vater stirbt schlafend im Fernsehsessel im ersten Stock des Gebäudes. Schließlich erscheint der Täter noch bei seinem Schwiegervater in dessen Linzer Wohnung und bringt den 80-Jährigen ebenfalls mit der Axt um. Das Motiv des Mannes, der sich in der darauffolgenden Nacht der Polizei stellt: Er hat seinen Liebsten die Schmach seines finanziellen Ruins ersparen wollen.

1. Juli 2008: Ein 66-Jähriger erschießt in Straßhof (Bezirk Gänserndorf) wegen Streitereien um eine Wohnung seine Schwester und seinen Bruder sowie deren Ehepartner und ergreift die Flucht. Rund eineinhalb Monate später wird er festgenommen und schließlich zu 20 Jahren Haft verurteilt.

25. Mai 2012: Ein 37-jähriger Mann kommt in der Früh in eine St. Pöltner Volksschule und holt seinen achtjährigen Sohn und dessen siebenjährige Schwester aus den Klasse. Dem Buben schießt der Mann in den Kopf, seine Tochter muss die Bluttat mitansehen. Danach flüchtet der Täter und begeht Selbstmord. Der Bub erliegt zwei Tage später seinen Verletzungen. Auslöser der Tat sind familiäre Probleme, die Mutter der Kinder hat die Scheidung eingereicht.

12. November 2012: In Hinterthiersee im Tiroler Bezirk Kufstein ersticht ein 51-jähriger Mann seine beiden 13 und 23 Jahre alten Söhne mit einem Küchenmesser und tötet sich danach selbst. Die heftige Gegenwehr der Opfer bleibt wirkungslos. Über das Motiv herrscht Rätselraten.

10./11. März 2013: Innerhalb von 24 Stunden gibt es in Wien zweimal Mord- und Selbstmordalarm: Zunächst werden in Döbling die Leichen eines 84- bzw. 82-jährigen Ehepaars gefunden. Der Mann hat seine Frau erschossen und danach sich selbst. Die Ermittler entdecken einen Abschiedsbrief des Paares. In Favoriten werden die Leichen einer 50-jährigen Frau und ihres 52-jährigen Ex-Mannes gefunden. Die Frau hat offenbar ihren Mann erschossen und sich danach selbst getötet.

27. März 2013: In Marchegg (Bezirk Gänserndorf) tötet ein Mann seine Frau und seine Tochter mit einer Schusswaffe. Dann bringt sich der 48-Jährige selbst um. Das Einsatzkommando Cobra wird wegen einer angeblichen Geiselnahme angefordert. Als das Verhandlungsteam aber keinen Kontakt zu dem angeblich in einem Einfamilienhaus verschanzten Mann herstellen kann, verschaffen sich die Beamten Zutritt und entdecken die Leichen. (APA)