Chronik | Niederösterreich
11.10.2017

Fall Kührer: Neue Zeugen sollen Unschuld des Verurteilten beweisen

In den neuen Befragungen vor drei Richtern wird (erneut) Julias Ex-Freund belastet.

Den protestantischen Gefängnisseelsorger hat Michael Kollitsch schon überzeugt. Der ehemalige Videotheken-Besitzer, der die damals 16-jährige Julia Kührer aus Pulkau getötet und in einem Erdkeller abgelegt haben soll, wurde 2013 zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er hat die Tat seit jeher bestritten. "Ich glaube ihm", sagt Markus Fellinger. "Ich begleite ihn wöchentlich seit der U-Haft. Er war immer authentisch."

Mit Glaubensfragen kommt der 57-Jährige, der seine Strafe in Stein absitzt, aber nicht weit. Ein dreiköpfiger Richtersenat im Landesgericht Korneuburg prüft seit gestern den Wiederaufnahme-Antrag, den Kollitschs Anwalt Wolfgang Blaschitz eingebracht hat.

Einige neue Zeugenaussagen belasten Thomas Sch. Der heute 29-Jährige war Julias Ex-Freund und rückte schon am Beginn der Ermittlungen als Hauptverdächtiger in den Fokus.

Geheimnisse

Einer dieser Zeugen ist Sascha B., der in Pulkau aufwuchs und Teil der Drogen-Clique war. "Er hat einen Stadel gemietet, in dem 2012 eine Party stattgefunden hat. Damals hat der Thomas gesagt: ,Das darf nie rauskommen, was mit der Julia passiert ist’", sagt er zum KURIER. Vor den Richtern erinnerte er sich an eine weitere Begebenheit: Als er eine Überdosis Rauschgift eingenommen hatte und nicht mehr sprechen konnte, habe Sch. gesagt: "Wir müssen ihm helfen, damit ihm nicht das gleiche passiert wie der Julia."

Auch Franz P. der laut eigenen Angaben Thomas Sch. über Jahre mit Crystal Meth versorgt hat und aktuell eine Haftstrafe absitzt, erinnert sich an eine Aussage des Ex-Freundes im Jahr 2009: Demnach sei Julia an einer Überdosis Crystal Meth gestorben, als sie gemeinsam die Droge konsumiert hätten.Das streitet Thomas Sch. ab. Vor Gericht will er Franz P. gar nicht kennen. Allerdings scheint sein Name auf dessen Abnehmer-Liste auf. "Ich bin davon überzeugt, dass die Julia an einer Überdosis gestorben ist", bekräftigt P. nochmals gegenüber dem KURIER.

Zweifel

Anwalt Wolfgang Blaschitz äußert zudem massive Zweifel an den damaligen Gutachten. Damals wurden zwar Reste von Crystal Meth in den Knochen Julia Kührers festgestellt. Allerdings in so geringem Ausmaß, dass der Gutachter eine Überdosis als Todesursache ausschloss. Laut Blaschitz würde der Abbau-Prozess der Droge allerdings post mortem weitergehen.

Julia Kührer verschwand im Jahr 2006. Gefunden wurden die Überreste fünf Jahre später. In diesem Zeitraum hätte sich ein Großteil der Droge abgebaut. Ein deutscher Chemiker erstellt dazu gerade ein Gutachten.

Auch die DNA-Spuren an der Decke, in die Julias Leiche eingewickelt war, stellt Blaschitz infrage.

Ein roter Faden

"Dass hier etwas nicht stimmen kann, zieht sich wie ein roter Faden durch den Fall", sagt Blaschitz. Weitere Zeugen sollen das bestärken. Unter anderem eine junge Frau, die ebenfalls belastende Aussagen von Thomas Sch. gehört haben soll. Oder der Fallanalyst des Bundeskriminalamts, der vor Kührers Auffinden sämtliche vorhandene Daten – darunter Telefonprotokolle – auswertete und zum Schluss kam: Thomas Sch. könnte zum Zeitpunkt ihres Todes mit Julia zusammen gewesen sein.

Er telefonierte auffällig oft mit einem Freund, schrieb dazwischen SMS an Julia. "Eine Alibi-Handlung oder ein bewusst herbeigeführter Verschleierungsversuch, um den Verdacht von sich zu lenken", vermutete der Analyst. Seine Aussagen dazu hält er aufrecht. In der Hauptverhandlung fanden sie aber kein Gehör.

Damals wurde auch Julias Bruder Stefan Kührer nicht als Zeuge befragt. Auch er glaubt nicht daran, dass Kollitsch seine Schwester ermordet hat.

Die drei weiteren Zeugen dürften bei der kommenden Befragung angehört werden. Wann diese stattfindet, steht allerdings noch nicht fest.