Döner statt Taliban: Dinieren in Kabul

Essen im Kriegsgebiet - Die Kalifornierin Rosemary Stasek ist die einzige Restaurantkritikerin Afghanistans.

Wer als Ausländer nach Kabul reist, begibt sich in der Vorstellung der meisten Westler bereits mit der Landung am Flughafen in akute Lebensgefahr: Selbstmordanschläge der Taliban, Sprengfallen und Gefechte bestimmen die Schlagzeilen aus Afghanistan. Sicher, Kabul ist gefährlicher als Berlin oder Zürich, und die angespannte Sicherheitslage schränkt das Leben der vielen ausländischen Zivilisten in der Stadt ein. Essen allerdings müssen auch sie. In Kabul hat sich eine schillernde Restaurantszene etabliert, die Rosemary Stasek unter die Lupe nimmt. Die Amerikanerin ist die einzige Restaurantkritikerin Afghanistans.

Von Falafel bis Currywurst

Ob Curry im "Lai Thai", Falafel in der "Tavern du Liban" oder ofenwarmes Baguette im "Le Bistro", ob Pasta im "Bella Italia", Paneer Tikka im indischen "Anaar" oder Kabuli Pilav im afghanischen "Sufi": Die inzwischen Dutzenden Restaurants haben beinahe für jeden ausländischen Geschmack etwas zu bieten. Der "Deutsche Hof" hat allerdings zugemacht, für Currywurst mit Pommes muss man nun zum "Lapislazuli" ins nordafghanische Kundus reisen, das der frühere Bundeswehr-Koch Boris Wojahn betreibt. Doch auch für den deutschen Gaumen findet sich in der afghanischen Hauptstadt Gewohntes: Der Dönerteller im "Istanbul" erinnert bei geschlossenen Augen an Berlin.

Bier als "Special Soup"

Anders als in der deutschen Hauptstadt darf man allerdings in allen Kabuler Restaurants rauchen. Westler können den afghanischen Staub zudem mit einem Glas Wein oder einem kalten Bier herunterspülen, bevor sie die Speisekarte studieren. Alkohol ist Muslimen in Afghanistan verboten, Nicht-Muslimen darf er in lizensierten Restaurants ausgeschenkt werden. Manche Restaurants ohne Erlaubnis verkaufen Bier unter dem Tisch, auf der Rechnung taucht der Drink dann etwa als "Special Soup", als "Besondere Suppe" auf.

Dinieren mit Kalaschnikows

Neben zahlreichen Kebabständen und Schnellimbissen wie dem "Afghan Fried Chicken", das Namen und Logo der US-Kette "Kentucky Fried Chicken" entlehnt hat, finden sich etliche Restaurants der gehobenen Preisklasse. Ihre Klientel sind vor allem Ausländer, die für Hilfsorganisationen, Botschaften oder Medien arbeiten - Soldaten essen in den Camps. Um den UN-Sicherheitsbestimmungen zu entsprechen, haben die Restaurantbetreiber hohe Mauern mit Stacheldraht errichtet, vor den Metalltoren stehen Wachmänner mit Kalaschnikows.

Sandsäcke und Schnellfeuergewehre auch vor dem "Golden Key": Kritikerin Stasek hat den Besucher zu ihrem Lieblingschinesen gebeten. "Bitte lassen sie Ihre Waffen hier", steht an Schließfächern im Korridor. Im Garten blühen Rosen, Singvögel zwitschern in Käfigen, Wasserpfeifen warten darauf, angezündet zu werden. Plastik-Schwäne sollen der Dekoration dienen, die weniger überzeugt als die Karte. Sie bietet Ente mit Ananas (14 Dollar) oder Hummer mit Ingwer und Frühlingszwiebeln (28 Dollar). Das "Lamm im heißen Topf" und das "Rind auf dem eisernen Servierteller" schmecken ausgezeichnet.

Von der Bürgermeisterin zur Kritikerin

Stasek hat inzwischen 37 Restaurants in Kabul getestet und die Ergebnisse im Internet veröffentlicht. Die Kritiken der 45-Jährigen entsprechen kaum den Standards des Restaurantführers "Guide Michelin": Sie sind kurz und knapp und dienen der schnellen Orientierung. Die Urteile können vernichtend ausfallen ("Die Bedienung nervt") oder überaus positiv ("Die besten Lammkoteletts der Welt"). Kritikerin ist Stasek freilich nicht hauptberuflich. Einst war sie die Bürgermeisterin der kalifornischen Stadt Mountain View.

Dort leben zahlreiche Exil-Afghanen. Mit einer Delegation reiste Stasek 2002 - kurz nach dem Sturz der Taliban - zum ersten Mal an den Hindukusch. "Ich habe mich damals in diese Gegend verliebt", sagt sie. Als ihre Amtszeit als Bürgermeisterin Ende 2004 auslief, wollte sie für einige Monate nach Kabul. Sie gründete eine Hilfsorganisation für Frauen, lernte einen Südafrikaner kennen, heiratete ihn - und hat keine Pläne, Afghanistan zu verlassen. "Neuankömmlinge fragten mich immer wieder, wo man gut essen kann", sagt Stasek. Irgendwann habe sie beschlossen, die Antworten darauf auf ihrer Homepage zu geben.

Alltag auf Afghanisch

Dort schreibt Stasek, sicherlich könne man in Kabul gewaltsam ums Leben kommen. "Und der wahrscheinlichste Grund wird sein, von einem Konvoi von (der privaten US-Sicherheitsfirma) Blackwater niedergemäht zu werden." Die Menschen im Westen hätten ein falsches Bild von Kabul. Sie selber führe ein weitgehend alltägliches Leben. Morgens stehe sie auf, füttere den Hund und gehe zur Arbeit. Abends komme sie nach Hause, manchmal koche sie und schaue mit ihrem Mann fern, an anderen Tagen gehe sie mit ihm gut Essen. "Sehr wenig meines Lebens", sagt Stasek, "wird von den Taliban beeinträchtigt".

(mt / APA/Can Merey, dpa) Erstellt am
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