Die Windkraft-Pioniere geben auf

Vor allem die Windkraftanlagen der ersten Stunde sind es, die dem Kostendruck nicht mehr standhalten können. Die Propeller in Gf… © Bild: KURIER/Jürgen Zahrl

Ende des Booms: Betreiber einzelner Windräder halten Kostendruck nicht mehr stand.

Noch drehen sich die Propeller am "1. Gföhler Windkraftwerk" im Bezirk Krems. Geht es nach seinem Betreiber Walter Enzinger, dann stehen die Windräder demnächst aber für immer still. "Im Jahr kommen mit der Anlage 8000 Euro herein. Davon muss ich aber Wartung, Betriebskosten, Sozialversicherung und so weiter zahlen. Da bleibt nichts übrig."

So wie Enzinger geht es vielen Windkraft-Pionieren. Verminderte Einspeisetarife und gestiegene Kosten machen ihnen das Wirtschaften schwer. Vor allem hohe Zahlungen für die so genannte Ausgleichsenergie sind es, die die Betreiber einzelner Windräder in die Knie zwingen (siehe Zusatzbericht unten).

Leopold Lang hat schon aufgegeben. Seine vier Windräder in Groissenbrunn und Deutsch Wagram hat er am vergangenen Dienstag abgeschaltet, weil sich der Betrieb nicht mehr rentiert. "Ich habe schon 1985 begonnen, eine Windkraftanlage zu planen. 1997 haben wir es geschafft, ans Netz zu kommen. Jetzt bekommt unsere Anlage zwei Cent für die Kilowattstunde. Das geht sich für uns nicht mehr aus." Lang bedauert die Entscheidung, vor allem "weil die Windräder noch mindestens 13 Jahre laufen und billig Strom produzieren könnten".

Für Stefan Moidl von der IG Windkraft ist die Situation dramatisch. In anderen EU-Ländern sei eine solche Entwicklung undenkbar. "Es macht ja volkswirtschaftlich auch keinen Sinn, günstigen Strom von bestehenden Anlagen nicht zu nutzen." Die Lage erinnert ihn an die 1970er- und 80er-Jahre, "als alle Kleinwasserkraftanlagen abgestellt wurden. Vor so einer Situation stehen wir heute auch", glaubt Moidl.

Bürgerprojekt

Peter Ramharter, Geschäftsführer der WICON, fürchtet um seine bekannte Windkraftanlage Lichtenegg im nö. Süden. Außergewöhnlich daran ist vor allem die Aussichtskanzel, die in 60 Meter Höhe am Turm des Windrades installiert ist. Weltweit gibt es weniger als ein Dutzend solcher Anlagen. "Der Öko-Tarif für unseren Strom wird nicht mehr ausbezahlt. Wir bekommen jetzt 2,35 Cent pro Kilowattstunde." Im Normalbetrieb könnte man damit leben, sagt Ramharter. "Aber Wartungsverträge werden teurer und wenn es einen größeren Schaden gibt, ist er mit diesem Tarif nicht zu decken." An der Anlage in Lichtenegg hängen 70 Investoren. "Wir sind ein echtes Bürgerprojekt. Wir bringen etwa 30.000 Besucher in die Bucklige Welt." Erst kürzlich sei man Austragungsort für ein Weltcup-Rennen im Stiegenlaufen gewesen. "Das gesamte Projekt für die Region ist gefährdet, wenn die Vergütungen so bleiben wie sie sind. Es ist eine absolut bedrohliche Situation."

Für große Anlagenbetreiber sei die Situation weniger dramatisch, so Moidl. Deren Strukturen würden den Kostendruck mindern. "Große Unternehmen können Ersatzteile in großen Stückzahlen und damit billig einkaufen und lagern. Sie haben auch ihre eigenen Monteure. Kleine Betreiber haben diese Möglichkeiten nicht."

Tarife

Die betroffenen Anlagenbetreiber haben Ende der 1990er-Jahre vor dem Hintergrund der "Einspeisetarifverordnung" investiert, welche von einer Nutzungsdauer der Anlagen von 15 Jahren ausging. "Bei Überführung des Fördersystems ins Ökostromgesetz 2002 wurde die Tariflaufzeit aber auf zehn Jahre reduziert", erläutert Moidl. Für die Betreiber bedeutet das einen Rückgang der Einnahmen. Laut IG Windkraft ist der durchschnittliche Marktpreis für eine Kilowattstunde Strom seit 2011 von 5,65 Cent pro Kilowattstunde auf 3,56 Cent gefallen. Im Gegenzug stiegen die Abgaben (Kosten für Ausgleichsenergie, Netzgebühren, administrative Aufwendungen, etc.) von 0,82 Cent pro Kilowattstunde auf 1,61 Cent.

Walter Enzinger befürchtet, das wahre Ausmaß der Situation werde erst sichtbar: "2016 wird es in Österreich 300 Anlagen geben, die nicht mehr unter die Öko-Tarife fallen und dann auch diese Kosten-Probleme haben."

Stefan Moidl fordert einen Mindestpreis für Ökostrom-Altanlagen. "Zwei Cent mehr für Strom aus Altanlagen, insgesamt sechs Millionen Euro pro Jahr – und alle Anlagen in Österreich wären gesichert." Die Bevorzugung der fossilen Stromerzeugung (siehe Zusatzbericht) müsse ein Ende haben.

Niederösterreichs Umweltlandesrat Stephan Pernkopf betont, dass die Windkraft im Land noch wachse. "Aber es ist nicht einzusehen, dass fossile Kraftwerke in Österreich seit vielen Jahren gefördert werden. Auch im aktuellen Energieeffizienz-Paket des Bundes ist wieder eine Förderung für fossile Kraft-Wärme-Kopplungen vorgesehen." Beim Management der Ausgleichsenergie fordert er Verbesserungen.

Erstellt am 04.07.2014