Merkinger hat das Pilgern in zu seinem Lebensmittelpunkt gekürt

© Ernst Merkinger

Chronik Niederösterreich
05/17/2019

Der Pilger 2.0: Das Leben als lange Reise

Ernst Merkinger ist zu Fuß von Wien nach Marrakesch gegangen. Der 28-jährige erzählt von seiner Überzeugung vom Pilgern.

von Lisa Rieger

3400 Kilometer hat Ernst Merkinger aus Weistrach (Bezirk Amstetten, NÖ) 2017 innerhalb von 4,5 Monaten zurückgelegt. Gestartet ist er in Wien. Sein Endziel war Andre Hellers Anima Garten in Marokko. Das Weitwandern hat ihn seither nicht mehr losgelassen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zu Fuß von Wien nach Marrakesch zu gehen?

Ernst Merkinger: Seit meinem Studium- Abbruch habe ich nur mehr das getan, was mich begeistert. So habe ich im Theater, mit einem Fotografen in Los Angeles und Wien bzw. bei einem TV-Sender gearbeitet und dann im Frühjahr 2016 gekündigt. In der Kündigungsphase habe ich bei einer Geburtstagsfeier einen Bekannten aus der Unterstufe getroffen, der pilgern war. Und er hat sich sehr positiv verändert, war offenherziger geworden und hatte extrem inspirierende Lebensgeschichten zu erzählen.

Und dann?

In derselben Woche hab ich den Flug gebucht und bin den Camino Frances (Anm. Jakobsweg) gegangen. Dort hatte ich Menschen getroffen, die ihre Lebensgeschichte authentisch erzählt haben, die Mitgefühl und Nächstenliebe gelebt haben. Es war ein „Überrichten“ in Menschlichkeit. Im selben Jahr bin ich über Weihnachten nach Marrakesch geflogen und danach hab ich aufgeschrieben, was mich begeistert. Das waren Fotografieren, Geschichten erzählen, Schreiben, Reisen, kleine Abenteuer erleben, Pilgern und Marrakesch. Da ist die Idee aufgepoppt und hat mich nicht mehr losgelassen.

Wie bereitet man sich darauf vor, 3.400 Kilometer in 4,5 Monaten zurückzulegen?

Die körperliche Komponente ist in so einem Projekt nicht zwingend das Wichtigste, vielmehr das Mentale. Deswegen habe ich viel Yoga und Meditation praktiziert.

Sie haben gebloggt und das Pilgern via Instagram begleitet.

Früher war mir die Social-Media-Welt fremd. Das hat sich durchaus dramatisch gewandelt. Ich hatte angefangen, meinen Blog täglich zu befüllen. Aber dass es so eine Dynamik annimmt, hat mich überrascht.

Wie lässt sich Pilgern mit Social Media vereinbaren?

Das kann ich bis heute nicht sagen. Aber ich rate jedem, der in der Natur unterwegs ist, sein Handy nicht mitzunehmen. Nichtsdestotrotz kommt es natürlich darauf an, wie achtsam man mit dem Gerät umgeht.

Sie haben auf Instagram über 11.000 Follower, gelten als Influencer.

Ich habe das Glück, dass ich noch mehr Weitwanderwege gehen kann, weil ich durch Tourismusverbände bzw. Ausstatter unterstützt werde. Ohne jene Unterstützung wäre dies in jenem Ausmaß nicht möglich.

Auf Instagram machen Sie Werbung für NÖ – warum?

Einmal monatlich gibt es einen NÖ-Schwerpunkt. Ich war unter anderem Ski fahren am Hochkar oder Langlaufen im Waldviertel. Es bereitet mir große Freude, selbst als Niederösterreicher, Platzerl zu entdecken, die ich sonst nicht kennenlernen würde.

Welche Momente machen das Pilgern für Sie aus?

Als ich eine Nacht draußen verbracht habe, wurde ich am nächsten Tag von einer älteren Dame geweckt. Sie hat mir ein Frühstück gegeben. Diese Begegnung hat mich tief berührt. Man hat gemerkt, dass es ihr ein Bedürfnis war, dass sie mir was vorbeibringt.

Als Sie zurückkamen, haben Sie ein Buch geschrieben...

Genau. Ich bekam Anfragen von Verlegern und habe mich für einen kleinen entschieden.

Was ist sonst seit Marrakesch passiert?

Ein Jahr später habe ich den Alpe-Adria-Trail absolviert. Dann bin ich vom Heldentor zum Sonnentor im Waldviertel gegangen. Ich war bei der Frankfurter Buchmesse, halte Vorträge und dieses Jahr habe ich acht kurze Weitwanderwege geplant, die ich von Mai bis September bestreiten werde.

Erachten Sie das Pilgern als etwas Religiöses, Spirituelles?

Spirituell auf jeden Fall. Durch die Stille, die in einem wieder einkehrt, weil man aus dem städtischen Wirrwarr draußen und in der Natur ist, findet man automatisch eine Wiederverbindung zu seinem Innersten.

Was raten Sie anderen Pilger-Interessierten?

Macht es einfach!

Über Ernst Merkinger

Ernst Merkinger ist 28 Jahre alt und lebt momentan in Wien. Aufgewachsen ist er in Weistrach (Bezirk Amstetten). 2017 hat er 3400 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Er ist von Wien nach Marrakesch gegangen. Dabei hat er mit seinem Blog gestartet und damit, seine Reise auf Instagram zu dokumentieren. Schnell vervielfachten sich seine Follower. Das ermöglicht es ihm, von seinen Projekten zu leben.   Nach seiner Rückkehr verfasste er das Buch „Mein Leben ist eine Pilgerreise – zu Fuß nach Marrakesch“. Aktuell begeht er acht Kurzweitwanderwege über die er wieder auf seinem Blog ernstjetzt.com berichtet.