Die Festnahme des Mannes vor seinem Haus. Der Vorfall ging unblutig zu Ende.

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Niederösterreich
09/06/2016

Zwangsräumung: 80-Jähriger übergoss Exekutor mit Benzin

Cobra-Einsatz: Mann drohte mit Feuerinferno und gab schließlich nach viereinhalb Stunden auf.

von Patrick Wammerl

Es war ein Hilferuf, mit dem sich Franz D. in einem Brief an den KURIER wandte. Doch die Botschaft kam zu spät.

Als der Brief Dienstagfrüh in der Redaktion eintraf, lief die geplante Delogierung des 80-jährigen Mannes in Wiener Neustadt aus dem Ruder. Denn als der Gerichtsvollzieher um acht Uhr Früh an dessen Türe stand, wurde der Beamte mit Benzin übergossen.

Franz D. drohte, den Exekutor, sich selbst und das gesamte Haus abzufackeln. Während sich der Gerichtsvollzieher in Sicherheit brachte, verschanzte sich der 80-Jährige mit seinen beiden Schäferhunden im Gebäude. Die Polizei ließ das Gebiet rund um das Wohnhaus aus Sicherheitsgründen abriegeln und alarmierte die Spezialeinheit Cobra, sowie Feuerwehr und ein Notarzt-Team. Ein Gartencenter in der unmittelbaren Nachbarschaft wurde kurzer Hand zu einer Einsatzzentrale umfunktioniert.

Dort übergab der KURIER dem Polizeistab den Brief des Pensionisten, der darin ankündigte, sich „gegen die Delogierung unter Einsatz seines Lebens zu verteidigen“. „Der Mann scheint tief entschlossen zu sein. Wir müssen davon ausgehen, dass er Vorbereitungen getroffen hat“, hieß es vonseiten der Polizei.

Die Cobra ließ sich von einer Angehörigen des Mannes über die Gegebenheiten im Wohnobjekt informieren. Es wurde abgeklärt, ob der 80-Jährige Waffen oder möglicherweise auch Sprengmittel beziehungsweise Gas besitzt, mit dem er eine Explosion verursachen könnte.

Zwischenzeitlich gelang es einem Verhandlungsteam der Cobra, telefonisch Kontakt mit dem Pensionisten aufzunehmen. Die Verhandler versuchten ihn zunächst vergeblich, zur Aufgabe zu bewegen. Als es nach vier Stunden keine Reaktion mehr gab, entschied sich die Cobra für den Zugriff. Zu diesem Zweck wurde ein Spezialfahrzeug mit Hebebühne herangeschafft. Damit hätten die Männer über den Balkon in das Haus gelangen wollen.

Energiezufuhr

So weit kam es allerdings nicht mehr. Als ein Cobra-Team zusammen mit EVN-Mitarbeitern geschützt von einem kugelsicheren Schild die Strom- und Gaszufuhr zum Haus unterbrechen wollte, erschien der Pensionist auf dem Balkon. Die Beamten konnten ihn schließlich zur Aufgabe bewegen und ihm vor dem Haus Handschellen anlegen.

Wie die Hausdurchsuchung zeigte, war die Sorge der Polizei vor einer Amoktat begründet. Beim Eingang standen zwei 40 Liter fassende Benzinkanister bereit. Im Wohnzimmer war eine Langwaffe hergerichtet, daneben lag die Polizze seiner Ablebensversicherung sowie ein Buch von Lotte Ingrisch. Der Titel: „Die schöne Kunst des Sterbens oder wie überlebe ich meinen Tod?“

Nachdem das Wohnhaus, in dem der Pensionist seit Jahrzehnten lebt, im März 2014 zwangsversteigert wurde, wurde er mehrmals aufgefordert, die Liegenschaft zu räumen. Da er dieser Aufforderung der neuen Eigentümer nicht nachkam, wurde beim Bezirksgericht Wiener Neustadt eine Räumungsklage und später die Zwangsräumung durchgesetzt.

Franz D. wehrte sich, und erstattete gegen die Eigentümer und deren Anwalt Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt wegen Urkundenfälschung und schwerem Betrug. „Das Verfahren wurde eingestellt“, erklärt Staatsanwalt Erich Habitzl.