Chronik | Niederösterreich
05.12.2011

Daheim beim Heurigen

Wien, wie es wohnt: Bei der Familie Reichl in Stammersdorf leben und arbeiten drei Generationen unter einem Dach.

Ein bisschen anders würden es Mathias und Stefan machen. Generationenkonflikt ist das deshalb aber noch keiner.

Mathias und sein Bruder Stefan wohnen gemeinsam mit ihren Eltern Franz und Leopoldine Reichl und den Großeltern Franz senior und Johanna auf dem Weingut der Familie in Stammersdorf. Weitere Mitbewohner sind Max und Moritz, "angeblich" eine Mischung aus Berner Sennenhund und Schäfer. Jedenfalls sind sie groß und freundlich. Letzteres ist aber ein Geheimnis, denn eigentlich sind sie Wachhunde.

"Wohnen am Arbeitsplatz? Man spart sich Anfahrtsweg und Parkplatzsuche, aber Abschalten ist schwierig."
Franz Reichl, Winzer

Schon die Großeltern haben hier am Fuße des Bisambergs neben der Landwirtschaft Wein angebaut, der Heurigenbetrieb ist langsam gewachsen. "Als wir Kinder waren, wurden einfach in der Waschküche ein paar Bänke aufgestellt, wenn Gäste kamen," erzählt Franz Reichl. Grüner Veltliner, Weißburgunder, Welschriesling, Muskateller werden angebaut. Der Gemischte Satz, viele Jahre Ladenhüter, ist jetzt auch wieder gefragt. "Früher war das nichts besonderes. Man hat den Weingarten gemischt bepflanzt, um Ernteausfälle auszugleichen."

Andere Vorstellungen Leben und arbeiten unter einem Dach, noch dazu in drei Generationen. Keine einfache Situation. Unterschiedliche Anschauungsweisen zwischen Kindern, Eltern und Großeltern gehören zum Alltag. "Wenn wir zu laut Techno hören ist das schwierig für Oma und Opa", gibt Mathias zu. Der 21-Jährige studiert auf der Boku Weinbau und möchte einmal den Betrieb übernehmen. Am liebsten würde er jetzt schon einiges anders machen. Besonders, was die technische Entwicklung bei Anbau und Produktion betrifft. Vater Franz bleibt Realist: "Wer soll das zahlen?"

Der jüngere Bruder Stefan will mit seinen 18 Jahren gar nichts mit dem elterlichen Betrieb zu tun haben. Was genau er einmal machen möchte, weiß er noch nicht. Jedenfalls will er "selbstständig" sein. Während sein Bruder von Zweigelt und Cabernet Sauvignon schwärmt, stellt Stefan nur trocken fest: "Ich bin kein Weintrinker."

Franz Reichl hätte gern, dass die Buben auch ein bisschen im Betrieb mitarbeiten, sich ihr Taschengeld selber verdienen. Mathias findet: "Darüber lässt sich reden. Es kommt auf die Höhe an." "In deinem Alter hab' ich schon fünf Versicherungsjahre gehabt", spielt Vater Franz den Generationentrumpf aus: Früher war eben alles viel härter. Und über Konflikte mit dem Vater könnte auch er so einiges erzählen.

Aber bei Festen und großen Veranstaltungen müssen die Kinder ohnehin mitarbeiten. Beim Mailüfterl oder bei den Weintagen, da gibt es keine Ausrede. Und auch kein Auskommen. Schließlich ist man immer verfügbar. Das ist der Vorteil, gleichzeitig aber auch der Nachteil, wenn man am Arbeitsplatz wohnt. "Man spart sich zwar den Anfahrtsweg und die Parkplatzsuche, aber Abschalten ist schwierig", sagt Franz Reichl. Und sich 24 Stunden, sieben Tage die Woche zu sehen, kann mitunter zur Belastungsprobe für die Beziehung werden. Franz und Leopldine halten das schon ein paar Jahrzehnte aus.

INFO: Weinhof Franz Reichl. Stammersdorferstraße 41, 1210 Wien, Tel.: 292 42 33. Montag Ruhetag

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