Chronik | Niederösterreich
02.11.2017

Armut: "Viele schämen sich anfangs"

Caritas macht auf Einrichtungen aufmerksam, die Armut bekämpfen.

"Egal, wer dieses Land künftig regieren wird – wir müssen zu einer vernünftigen und österreichweit einheitlichen Mindestsicherung zurückkehren, die nicht an Ideologien, sondern an der Not der betroffenen Menschen Maß nimmt", forderte Michael Landau zum Start der aktuellen Herbstkampagne der Caritas.

Mehr als 1,2 Millionen Menschen in Österreich sind armutsgefährdet, 410.000 Personen gelten als manifest arm. Landau nutzte die Gelegenheit, appellierte an die Politik "die gegenwärtig fordernde Situation nicht dazu zu missbrauchen, um bei armutsbetroffenen Menschen insgesamt zu sparen".

Geldnot

Dass Armut viele Gesichter hat, ist beispielsweise im Mutter-Kind-Haus in St. Pölten ersichtlich. Hier hat die 20-jährige Viktoria mit ihrer kleinen Laura für die kommenden Monate Unterschlupf gefunden. "Es gab familiäre Probleme, dann kam auch noch finanzielle Not hinzu", erzählt die alleinerziehende Mutter. Nachdem sie sich eine Wohnung einfach nicht mehr leisten konnte, half ihr die Caritas. In der Landeshauptstadt werden Frauen mit ähnlichen Problemen von Familienhelferinnen und diplomierten Sozialarbeiterinnen unterstützt. Nicht nur bei der Aufarbeitung der Geschehnisse, sondern auch bei der Wohnungssuche. "Ich bin sehr froh, dass ich diese Hilfe fand", erzählt Viktoria.

Anlaufstelle

Eine andere Anlaufstelle für Menschen, deren Geld nicht reicht, ist der SOMA-Markt in Krems. Hier werden gespendete Lebensmittel günstig verkauft. Rund 2000 Menschen haben eine Berechtigungskarte, die nur erhält, wer weniger als 870 Euro im Monat zu Verfügung hat.

Seit dem Beginn leitet Gerti Ulrich die Einrichtung, die die Stadt Krems und Caritas vor zehn Jahren gründeten. "Ich will, dass sie sich wohl fühlen", sagt sie mit Blick auf Mitarbeiterinnen wie Kunden. Ulrich muss acht Transit-Arbeitskräfte anleiten, Selbstsicherheit zu gewinnen, um sich auf neue Jobs vorzubereiten. Andererseits muss das Geschäft funktionieren wie jedes andere.

"Viele schämen sich, gerade am Anfang", sagt sie und berichtet: "Wenn neue Kunden eine Berechtigungskarte lösen, müssen wir die persönlichen Daten aufnehmen. Da erfahre ich oft die ganze Lebensgeschichte", schildert die Marktchefin und ersucht: "Schreiben sie bitte nicht ’sozial schwache’ Menschen. Sie sind sehr sozial, lediglich materiell schlecht ausgestattet oder sehr einsam." Wie die drei Männer, die sich im angeschlossenen Café regelmäßig treffen und begonnen haben, miteinander Radausflüge zu unternehmen. "Viele Kunden sind dankbar dafür, dass es uns gibt", sagt Ulrich. Eine etwa 30-Jährige Frau hat ihr erzählt, dass sie eigentlich nur durch die günstigen Einkäufe von gesunden Lebensmitteln wieder gesundheitlich auf die Beine kam, nachdem sie wegen Krankheit gekündigt worden war.

Billiger

"Es ist schon viel billiger hier, da geht es sich mit dem Geld leichter aus", erzählt ein verlegen lächelnder Mann, während er zwei der ordentlich aufgereihten Äpfel in seinen Einkaufskorb legt. Seinen Namen will er nicht nennen. Aber er lobt das Geschäft:"Das Angebot ist sehr schön." Er versteht auch, dass man nur drei Mal pro Woche kommen darf, damit für alle etwas bleibt.

Landau richtet einen Appell an die künftige Bundesregierung, ein "Paket für den sozialen Zusammenhalt, ein soziales Sicherheitspaket", zu schnüren. Als Bereiche nennt er: Arbeit, von der man leben kann, leistbares Wohnen, eine an der Menschenwürde orientierte Mindestsicherung sowie Sicherheit bei Pflege, Gesundheit oder beim Zugang zur Bildung. "Menschen und Gruppen gegeneinander auszuspielen dient dem Land nicht", betonte Landau.

Hier gehe es um ein Prozent der Sozialausgaben. Es sei auch eine "Frage des Stils, wie wir mit den Schwachen in unserer Gesellschaft umgehen". Es gehe darum, Armut und nicht armutsbetroffene Menschen zu bekämpfen, sagte der Caritas-Präsident. "Sozialdumping, ein Wettbewerb nach unten zwischen den Bundesländern ist ganz offensichtlich nicht funktional." Außerdem fordert die Caritas gesicherte Mittel für Arbeitsmarktpolitik und bessere Rahmenbedingungen für den erweiterten Arbeitsmarkt.