Chronik | Niederösterreich
07.04.2012

Abtritt einer Notarzt-Pionierin

Nach 3500 Einsätzen in St. Pölten und Melk steigt Lebensretterin Inge Valsky aus und will Hubschrauber fliegen lernen.

Man ist in dem Job ständig von der existenziellen Frage Leben oder Tod begleitet. Jeder von uns kommt ans Limit und dann muss man sagen: Da hören wir auf, der Einsatz ist zu Ende. Dazu muss man auch stehen." Inge Valsky aus St. Pölten hat einer Rekordzahl an Menschen das Leben gerettet.   Und auch  darüber entschieden, unvermeidliches Sterben nicht mit  medizinischer Brachialgewalt  hinauszuzögern. "Ich weiß, ich habe in jedem Fall mein Bestes gegeben." Die 63-jährige Notarzt-Pionierin beendete kürzlich nach 3500 Einsätzen ihre Karriere.

Pension. Aus nach 15 Jahren als Anästhesistin im Spital Melk, wo sie 1986 federführend am Aufbau eines Notarztwagensystems beteilgt war  und 17 Jahren in St. Pölten. An beiden Standorten  packte sie ihren Notfallkoffer und rannte, wenn Alarm war und sie war bei der Gründung des ÖAMTC-Helikopterstützpunktes "Christophorus 2" in Krems  1983 eine der ersten fliegenden Notärzte Österreichs.

Dramatik

"Im Hubschrauber ist die Dramatik noch eine Stufe höher als im Auto, weil man über weite Strecken schneller vor Ort ist", schildert Valsky. "Da ist auch der Puls vielleicht ein bisserl höher." Was Laien als  bis zum Unerträglichen dramatisch empfinden, kontern Profis mit Routine. "Unfälle waren für mich nie das Schlimmste, weil ich weiß, dass ich da hundertprozentig kompetent bin. Schwieriger hab ich immer interne Notfälle empfunden."

Es kommt, wie es kommt, auf der Skala der Grauslichkeiten. Aber: "Mir  waren  Einsätze am Liebsten, die zwar herausfordernd waren, aber wo ich wusste: Da hab" ich wirklich helfen können." Gibt es Rückmeldungen von Geretteten? Valsky: "Leider ganz wenige. Das liegt auch am System, weil die Leute ja in verschiedene Krankenhäuser kommen. Aber ja, ich würde mir mehr Feedback von Patienten wünschen."

Sonderfall: Ein Mann, der nach einer Herzattacke dem Sensenmann entkam, hat Frau Doktor aus Dankbarkeit Anfang Mai zum Grillabend eingeladen. "Er war  schon fast mausetot, als wir eintrafen." Wir, bedeutet, Frau Doktor und ihre Notfall-Sanis. Ein eingeschweißtes Team. "Die Inge" sagen sie in St. Pölten mit dem größtem Respekt zu ihr.

Und jetzt?  "Ich bin ganz weg.  Natürlich fällt mir das schwer.   Aber ich  kann jetzt tun, wozu ich  nie wirklich Zeit hatte." Drei Enkerl bemuttern, die Transsibirische Eisenbahn besteigen, nach Neuseeland jetten und  ihren abgelaufenen Pilotenschein toppen. "Ich könnt" mir vorstellen, in den USA Hubschrauber fliegen zu lernen."