Chronik | Niederösterreich
03.08.2017

30 Delikte, aber niemand war vor Sextäter gewarnt

Heikle Fragen zum mutmaßlichen Entführer und Vergewaltiger bleiben vorerst unbeantwortet.

Haben die Behörden im Fall des Entführers und Vergewaltigers einer 25-jährigen Krankenschwester aus dem Waldviertel die Warnsignale übersehen? Angesichts der Vorgeschichte von Erich L. drängt sich diese Frage auf.

Der 45-jährige gelernte Schlosser aus Gaming im Bezirk Scheibbs kam trotz eines ellenlangen Vorstrafenregisters mit gut 30 Delikten und zahlreicher gerichtlicher Verurteilungen ohne langer Strafen davon.

Seit der brisante Fall durch den KURIER öffentlich wurde, weichen fast alle verantwortlichen Behördenvertreter kritischen Fragen zur Vorgeschichte des Mannes aus. Die zuständige Staatsanwältin in Krems, Susanne Waidecker, verhängte eine Informationssperre und drohte jedem Ermittler, der sich nicht daran hält, ein Verfahren wegen Amtsmissbrauchs an.

Vorstrafenregister

Die Vizepräsidentin des Landesgerichts St. Pölten, Andrea Humer, bestätigt erstmals offiziell, dass Erich L. bereits seit Jahren amtsbekannt war: "Es gab gegen den Genannten bereits bezirksgerichtliche Verurteilungen wegen Vergehen der sexuellen Belästigung und öffentlichen geschlechtlichen Handlung nach § 218 Strafgesetzbuch", so Humer. Wie oft das Gericht bei dem Wiederholungstäter von der Strafdrohung von bis zu sechs Monaten Haft Gebrauch gemacht hat, wollten weder Humer noch Waidecker sagen.

Bei den Taten soll sich Erich L. auf der Straße vor Frauen entblößt haben. Auch Fälle, wo der 45-Jährige beim Onanieren vor Mädchen erwischt wurde, sind darunter.

Die Bezirkshauptmannschaft Scheibbs hatte über die Zwischenfälle keinerlei Kenntnis. Bezirkshauptmann Johann Seper erklärt das damit, dass an der Adresse von Erich L. keine Kinder im Haushalt gemeldet waren, die es zu schützen galt. "Ich habe keine Meldung über Delikte aus den vergangenen Jahren bei mir aufliegen. Wenn die Person verurteilt wurde, aber auf freiem Fuß ist, was hätte man dann machen sollen?", so Seper. Das Gesetz habe in solchen Fällen keine Warneinrichtungen vorgesehen. "Selbst wenn man solche Infos hat, wie hätte man diesen Fall verhindern können?", fragt sich Seper.

Die Gaminger Bürgermeisterin und SPÖ-Landtagsabgeordnete Renate Gruber reagierte empfindlich auf die Nachfrage und verweigert jegliches Gespräch.

Über Erich L. wurde am Donnerstag Untersuchungshaft verhängt, er ist nicht geständig. Die Polizei veröffentlichte indes erstmals Details zu der Gräueltat: Ihr Peiniger habe sie unter dem Vorwand einer Panne zu seinem Lieferwagen gelockt, überwältigt und in Fesseln in eine Kiste auf der Ladefläche gesperrt. Vom Bezirk Zwettl soll er mit seinem Opfer 70 Kilometer weit in sein Wohnhaus in Gaming gefahren sein, wo er sich die ganze Nacht über an der angeketteten und geknebelten Frau vergangen haben soll.