Chronik | Niederösterreich
11.06.2017

139.000 Kilometer Müllhalde

Verkehrsteilnehmer "verlieren" vieles – vom Teddybär bis zum Motorblock.

Ob absichtlich oder gedankenlos: Viele Autofahrer machen aus Österreichs Straßen die ausgedehnteste Müllhalde des Landes.

Alleine am Rand von Autobahnen und Schnellstraßen – samt Parkplätzen – fallen jährlich 6300 Tonnen Abfall an. Das ist fast die doppelte Menge dessen, was die 30.000 Einwohner der Stadt Krems im selben Zeitraum weg werfen. 1700 Tonnen davon (750 Lkw-Ladungen) liegen nicht in Müllbehältern, sondern sind auf einer Strecke von rund 2200 Kilometern verteilt. Ein gewaltiger Aufwand für Menschen, die sich millionen Mal bücken müssen, um all das zu entsorgen.

Offenbar nutzen immer mehr Menschen bewusst Fahrbahnrand und Parkplätze entlang der 139.000 Kilometer Straßen als Entsorgungsmöglichkeit. Gleichzeitig geht häufiger Ladegut verloren, das gerade auf Autobahnen zur Todesfalle für nachkommende Fahrzeuginsassen werden kann. Die ASFINAG will mit ihrer Aktion "Hallo leben" gegensteuern.

Arbeitszeit

"Mehrere Wochen ihrer Jahresarbeitszeit verbringen unsere Leute nur mit dem Aufsammeln von Gegenständen", erklärt Martin Kottek, der die Autobahnmeistereien Alland und Pressbaum in Niederösterreich leitet.

Wenig besser stellt sich die Situation an Bundes- und Landesstraßen dar. Der KURIER begleitete Routiniers der Straßenmeisterei Langenlois im niederöstereichischen Kamptal bei ihrer Arbeit. Auf einem Rastplatz nahe dem Ort Stiefern haben Rainer Halmschlager und Ewald Fürlinger schon drei große Plastiksäcke hauptsächlich mit zurückgelassenem Verpackungsmaterial gefüllt. In der Hauptreise- und Ausflugszeit erwarten sie noch größere Mengen. "Manche Leute lassen auf dem Jausenbankerl alles liegen, wie sie es verwendet haben", seufzt Fürlinger. Aber auch Schachteln voller Kleidungsstücke, Elektrogeräte vom Fernseher bis zum Computer, Schiebetruhen voller Bauschutt haben die beiden schon entsorgen müssen. Den Großteil machen aber Jausenverpackungen und Getränkedosen oder Flaschen aus. "Der Parkplatz liegt günstig, man kann bequem zufahren und ist durch eine Hecke vor den Blicken Vorbeifahrender geschützt", meint Fürlinger. Viele lassen ihre Hinterlassenschaft in Säcken neben dem Abfallbehälter liegen. Andere aber werfen ihren Müll auch ins angrenzende Gebüsch. "Man findet nicht alles, und dann beginnt biogenes Material zu stinken. Echt unangenehm", meint Fürlinger, während er mit seiner Zange ein zerbrochenes Einlegeglas zwischen Zweigen hervor angelt.

Ungewöhnliches findet sich auch auf Autobahnparkplätzen und Raststätten. "Einmal haben wir einen Motorblock in einem Abfallcontainer entdeckt ", erzählt ASFINAG-Mitarbeiter Kottek. Aber auch Teddybären, Unterwäsche, Reifen, Kanister und ganze Schrottautos oder Motorräder wurden schon auf Rastplätzen entsorgt.

Schuhe

Seiner Erfahrung nach spiegeln Fundstücke oft die Umgebung wieder: "Wo es viel Werkstätten gibt, finden sich Autoersatzteile", erzählt er. Und lüftet das Geheimnis der einzelnen Schuhe, die man immer wieder findet: "Fernfahrer stellen ihr Schuhwerk oft in die Tür, da fallen oft einzelne Schuhe auf den Boden. Der verbliebene Schuh fliegt oft aus dem Fenster", sagt Kottek.

Gefährlich wird es, wenn Gegenstände mitten auf der Fahrbahn landen. "Ladegut auf Autodächern und Anhängern gehört professionell gesichert", appelliert Niederösterreichs ASFINAG-Regionalleiter Georg Steyrer an Autofahrer.

Entsorgtes, Vergessenes und Verlorenes

Mengen: Alleine am Rand von Autobahnen und Schnellstraßen kostet die Entsorgung von insgesamt 6300 Tonnen Abfall im Jahr ungefähr 8,6 Millionen Euro. 900 ASFINAG-Mitarbeiter füllen damit 1500 Müllsäcke. Spitzenreiter bei der Menge ist das Bundesland Niederösterreich mit 1540 Tonnen Müll. In Wien fielen zum Beispiel 40 Tonnen an, im Burgenland 520 Tonnen.

Sicherung: Auf Fahrbahnen des hochrangigen Straßennetzes verlorene Gegenstände können häufig zu brenzlichen Situationen führen. 1900 mal mussten im Vorjahr Mitarbeiter der österreichischen Autobahnmeistereien ausrücken, um einzusammeln, was aus Anhängern oder von Dachträgern fiel. Das ist ein Plus von 28 Prozent gegenüber 2015.