1070: Kochkünstler am Spittelberg

Großartige Küche in Stundentenbeisl-Atmosphäre mit Trattoria-Charakter: Charme und Können übertünchen kleine Mankos.


Konzentrier Dich nur auf das Essen und beachte den Rest nicht" relativierte eine Freundin ihre Empfehlung für das neue "1070" am Spittelberg. Zuerst wusste ich nicht, was sie meinte, denn wir wurden von Patronne Dagmar Wulz freundlich und charmant empfangen. Sofort standen Wasser und Weißbrot am Tisch, denn "Brot und Wasser gehören zum Leben dazu" - im 1070 noch dazu kostenlos. Bravo! Frau Wulz schenkt jedem Gast viel Aufmerksamtkeit, wodurch sich für andere Gäste mitunter auch längere Wartezeiten ergeben. Somit hat man auch Zeit, das Interieur genauer zu betrachten, was dann eher an ein Studentenbeisl erinnert: Rustikal bemalte Wände und russische Verlegung der Kabeln. Die Belüftung ist suboptimal - Küchengeruch zieht sich angereichert mit Zigarettenqualm bis in den Speiseraum.

Ein Küchenvirtuose am Werk

Aber was meine Freundin wirklich gemeint hat, wusste ich erst, als das Essen serviert wurde. Mit Patrick Sowa steht ein Künstler am Herd, der mit viel Gefühl mediterrane Gerichte raffiniert zubereitet. Der Blattsalat mit Gamberetti gefiel durch eine spannende Marinade aus Zucchini, Rucola, Limone und Zitronengras. Minzblätter verliehen dem "Small Leaf"-Salat zusätzliche Pikanz und Frische. Der lauwarme Oktopus-Salat war ebenso gelungen, frische Paradeiser und zartes Fleisch zeugten von guter Produktqualität.

Goldbrasse, Kalbsfilet und Weinbegleitung

Das kross gebratene Goldbrassenfilet mit Thymianpuree war großartig. Das Kalbsfilet nach römischer Saltimbocca Art war perfekt auf den Punkt gebraten und herrlich saftig. Die Weinauswahl ist zwar eher begrenzt, allerdings findet man zu jedem Gang einen passenden Tropfen aus Österreich. Der Rotwein wurde zu warm serviert. Über Tisch- und Glaskultur generell kann man aber nicht meckern.

Drei Gänge um 31 Euro

Wer in ungezwungener Atmosphäre gut essen mag und keinen Wert auf etepetete gestyltes Interieur legt, der ist im 1070 gut aufgehoben. Am besten man kommt mit viel Zeit und Hunger und vertraut sich Frau Wulz an. Drei Gänge kosten 31 Euro, vier Gänge 37, fünf Gänge 43 usw. Man muss sich dabei keineswegs im Vorfeld auf eine bestimmte Speisenfolge festlegen, wenn man nicht mehr kann, dann hört man einfach auf.

Wer steht dahinter?

Für die kulinarische Raffinesse ist Patrick Sowa verantwortlich, ein umtriebiger Koch der totz seiner erst 25 Lenze schon umfangreiche nationale und internationale Erfahrung sammeln konnte. Der Kärntner hat im Karnerhof am Faaker See gelernt und über Zwischenstopps in der Schweiz, in Singapur, New York und London kam er wieder nach Kärnten und zwar ins Drei-Hauben-Restaurant Dolce Vita. Dann war er Straßenmusikant in Wien und studierte eineinhalb Jahre am Konservatorium. Nach dieser kulinarischen Auszeit setzte er zahlreiche Impulse in der Wiener Gastroszene: im Sin (jetzt Burgermeister), im Mormat und im "schon schön". Neben dem Kochen widmet er aber auch viel Zeit der Fotografie.

Für Patronne Dagmar Wulz bleibt zu hoffen, dass er im 1070 mehr Sesshaftigkeit aufbringt, als bei seinen Stationen davor. Sie selbst hat einen ähnlich bunten Lebenslauf: Aus einer kärntner Wirtsfamilie kommend mied sie vorerst Schank und Küche, studierte Theaterwissenschaft und arbeitete in der Volksoper. Erst über einen sechsjährigen Umweg als EDV-Programmiererin fand sie wieder zurück zur Gastronomie. Nach zwei Jahren im Stern war sie fünf Jahre Geschäftsführerin im Lux.

(kurier) Erstellt am
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