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Kriminalrätsel

Neues Gutachten in Causa Aliyev: "Es war Mord"

Kriminalrätsel: Deutscher Gerichtsmediziner bestreitet Suizid des Ex-Botschafters in Zelle. "Das sieht ein Blinder".

von Ricardo Peyerl

12/12/2016, 05:00 PM

Fast zwei Jahre nach dem Tod des kasachischen Ex-Botschafters in Österreich, Rakhat Aliyev, bekommen die Zweifel an seinem Suizid in der Gefängniszelle neue Nahrung. Der renommierte deutsche Gerichtsmediziner Bernd Brinkmann kommt angesichts des Obduktionsberichts und der 130 Fotos des toten Aliyev sinngemäß zum Ergebnis: So schaut keiner aus, der sich erhängt hat.

Brinkmann wörtlich: "Ich habe Hunderte gesehen, das kann kein Erhängen gewesen sein. Mit eigener Hand sind solche Strangulierungsmarken nicht erzeugbar. Es handelt sich um Tötung durch fremde Hand. "

Oder, wie es die Anwälte der Witwe Aliyev, Manfred und Klaus Ainedter sowie Otto Dietrich, von Anfang an behauptet haben: "Es war Mord." Sie wollen dazu zwar "keine Verschwörungstheorien" bemühen ("Wir arbeiten mit Fakten"), freilich wird es ohne solche nicht gehen.

Demnach müssten sich in der Nacht auf den 24. Februar 2015 zwei unbekannte Täter unbemerkt Zutritt in die Zelle des unter Mordverdacht inhaftierten Aliyev in der Justizanstalt Wien-Josefstadt verschafft, sich auf den Brustkorb des 52-Jährigen gesetzt, ihm Mund und Nase zugehalten und den Sterbenden oder bereits Toten in die Schlinge einer Mullbinde gelegt haben.

Unbemerkt

Das alles wie von Geisterhand, ohne dass der Schließmechanismus der Zellentür elektronisch ein Öffnen und wieder Versperren registriert und ohne dass die Überwachungskamera vor dem Haftraum ein nächtliches Kommen und Gehen filmt.

Außer es wurde vielleicht alles "manipuliert", wie Manfred Ainedter in den Raum stellt. Immerhin sei es "beunruhigend, dass in Österreich jemand in der Zelle umgebracht werden kann".

Der von den Anwälten als Privatgutachter engagierte Rechtsmediziner Bernd Brinkmann aus Münster wirft dem Wiener Gerichtsmediziner Daniele Risser – der Aliyevs Leiche obduziert hatte – vor, geschlampt und falsche Schlüsse gezogen zu haben. Zur Entschuldigung seines Kollegen kann Brinkmann nur sagen, dass die Obduktion auf Basis der "vorgefassten Meinung" des Suizids durchgeführt worden sei.

Wie im Lehrbuch

Wobei: Dass es Fremdtötung gewesen sei, "das sieht ein Blinder." Die "exzessiven" Verfärbungen oberhalb und unterhalb der Strangulationsmarke würden "lehrbuchmäßig" gegen Suizid durch Erhängen sprechen. Aus fotografisch festgehaltenen Spuren auf dem Gesicht des Toten leitet Brinkmann ab, dass jemand seinen Mund gegen eine Unterlage oder ein Gewebe gegen seinen Mund gepresst haben muss. Die Mordmethode unter dem Fachtitel "Perthes’sche Druckstauung", der Aliyev binnen zehn Minuten durch qualvolles Ersticken zum Opfer gefallen sei, bezeichnete der in Deutschland als Experte für Tod durch Ersticken bekannte Arzt als "simpel" (siehe Zusatzinformation unten).

Dass eine zweite Obduktion neun Tage nach der ersten bei der Gerichtsmedizin in St. Gallen ebenfalls Suizid ergab, führt der Sachverständige darauf zurück, dass sich die Leiche bereits stark verändert hatte. Die Staatsanwaltschaft Wien lässt das Privatgutachten nun in der Gerichtsmedizin St. Gallen überprüfen; bis Jahresende soll ein Ergebnis vorliegen.

Ein "spurenarmer" Tod

Die "Burking"-Methode

Die vom deutschen Experten für den Fall Aliyev angenommene Mordmethode "Burking" ist auf einen schottischen Serienmörder namens William Burke zurückzuführen, der um 1827 gemeinsam mit einem Komplizen 16 Menschen so umgebracht hatte. Demnach hätte sich ein Täter auf Aliyevs Brustkorb gesetzt und diesen zusammengedrückt, wodurch die Blutzufuhr unterbrochen und das Opfer sofort handlungsunfähig wird. Zusätzlich müsste ihm ein zweiter Täter Mund und Nase zugehalten haben. Das erzeugt eine tödliche Druckstauung und einen laut Brinkmann "spurenarmen Tod". Danach müsste Aliyev postmortal mit der Mullbinde aufgehängt worden sein, um einen Suizid vorzutäuschen.

Selbstversuche

In seinem 18-seitigen Privatgutachten schreibt Rechtsmediziner Brinkmann, dass die Druckstauung und Dunsung im Gesicht bei Aliyev klassisch ausgebildet und für den Fachmann massiv erkennbar gewesen sei. Auch seien dezente Befunde vorhanden, wonach jemand Aliyev am Hals gepackt und zugedrückt haben könnte. Brinkmann hat mit seinem Team Selbstversuche ("unter Beachtung von Sicherheits- maßnahmen", wie vermerkt wird) durchgeführt. Dabei hat er festgestellt, dass sich Aliyev schwerlich selbst an dem Wandhaken im Waschraum der Gefängniszelle aufgehängt haben kann. Um das zu überprüfen, wäre laut dem Experten eine minutiöse Rekonstruktion notwendig.

Die unendliche Causa Aliyev



2002: Rakhat Aliyev, Schwiegersohn des autokratischen Staatschefs Nursultan Nasarbajew, wird nach Putsch-Gerüchten als kasachischer Botschafter nach Österreich geschickt.

2005: Aliyev kehrt als Vize-Außenminister nach Kasachstan zurück.

31. Jänner 2007: Zwei Manager der kasachischen Nurbank verschwinden spurlos. Haupteigentümer der Bank ist Rakhat Aliyev.

9. Februar 2007: Aliyev wird wieder als Botschafter nach Österreich geschickt.

23. Mai 2007: Ermittlungen gegen Aliyev wegen der Entführung der beiden Bankmanager.

26. Mai 2007: Aliyev wird als Botschafter abgesetzt. Nasarbajew-Tochter Dariga reicht die Scheidung ein.

28. Mai 2007: Kasachstan erlässt einen Haftbefehl gegen Aliyev.

30. Mai 2007: Auslieferungsantrag der kasachischen Justiz an Österreich.

1. Juni 2007: Aliyev wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wien vorübergehend in Haft genommen.

4. Juni 2007: In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "profil" erklärt Aliyev, dass das Vorgehen der kasachischen Justiz politisch motiviert sei.

8. August 2007: Österreich lehnt ein kasachisches Auslieferungsbegehren für Aliyev ab, weil er kein faires Verfahren erwarten könne.

17. Jänner 2008: Kasachstan verurteilt Aliyev in Abwesenheit wegen der Entführung der Bankmanager zu 20 Jahren Haft und stellt einen weiteren Auslieferungsantrag an Österreich. Im März wird auch Ex-Geheimdienstschef Alnur M. zu 20 Jahren Straflager verurteilt.

Juli-September 2008: Drei gescheiterte Entführungsversuche gegen M. und den Aliyev-Vertrauten Vadim K. gehen in Wien über die Bühne.

29. Jänner 2009: Ein Wiener Polizist, der Daten an den mutmaßlichen kasachischen Spion Ildar A. weitergegeben hatte, wird wegen Amtsmissbrauchs zu acht Monaten bedingter Haft verurteilt. Ildar A. ist bereits in U-Haft.

10. Juli 2009: Wegen Gerüchten, der kasachische Geheimdienst habe auch Abgeordnete beeinflusst, setzt das Parlament einen Untersuchungsausschuss ein. Diese Gerüchte werden später auch vom Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) bestätigt.

18. Jänner 2010: Der mutmaßliche kasachische Spion Ildar A. wird in einem Prozess um die Entführungen von einem Wiener Gericht freigesprochen.

Dezember 2010: Bundespräsident Heinz Fischer besucht Kasachstan, nachdem er zwei Jahre davor eine Visite kurzfristig abgesagt hatte.

30. Jänner 2011: Laut dem ZDF ermittelt die deutsche Justiz wegen Geldwäsche gegen Aliyev. Eine zentrale Rolle soll dabei ein Metallbetrieb in Nordrhein-Westfalen gespielt haben.

Februar 2011: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) revidiert seine Spruchpraxis und erlaubt die Auslieferung eines Kasachen durch die Ukraine an sein Heimatland. Juristen sehen damit die österreichische Justiz im Fall Aliyev in Zugzwang.

18. Mai 2011: Aus dem Entführungsfall wird ein Mordfall: Auf dem Gelände einer ehemaligen Firma Aliyevs in Kasachstan werden die Leichen der beiden verschwundenen Nurbank-Manager gefunden. Gerichtsmedizinern der Berliner Charite gelingt die Identifizierung der in Kalkfässer gesteckten Leichen. Aliyev spricht von durch den kasachischen Geheimdienst manipulierten Beweisen.

6. Juni 2011: Anwalt Lansky wirft den österreichischen Behörden vor, sich als Fluchthelfer für Aliyev und seine vier mutmaßlichen Mittäter zu verdingen. Aliyev ist eigenen Angaben zufolge schon seit zwei Jahren nicht mehr in Österreich.

16. Juni 2011: Das Landesgericht Wien lehnt auch den zweiten Auslieferungsantrag Kasachstans im Fall Aliyev ab.

Juli 2011: Die österreichische Behörden beginnen Ermittlungen gegen Aliyev wegen Mord- und wegen Geldwäschevorwürfen. Aliyev soll sich inzwischen in Malta aufhalten und vorübergehend den Namen seiner Frau, Shoraz, angenommen haben.

März 2013: Aliyev alias Shoraz erhebt in seinem neu erschienen Buch "Tatort Österreich" erneut Vorwürfe gegen österreichische Politiker. Als "Helfershelfer" Kasachstans werden Ex-Innenminister Karl Blecha (SPÖ) und sein Parteikollege, Ex-Parlamentarier Anton Gaal, aber auch Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) und die FPÖ-Abgeordneten Harald Vilimsky und Johannes Hübner genannt.

1. Juni 2013: Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) wird verdächtigt, das kasachische Regime mit vertraulichen Dokumenten im Fall Aliyev versorgt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittle sowohl gegen Gusenbauer als auch gegen den Wiener Rechtsanwalt Gabriel Lansky wegen des Verdachts nachrichtendienstlicher Tätigkeiten, berichtet das Nachrichtenmagazin "profil".

14. Juni 2013: Malta friert das Vermögen Aliyevs einem Medienbericht zufolge wegen Geldwäscheverdachts ein.

1. November 2013: Aliyev wird der österreichische Fremdenpass entzogen.

März 2014: Die Ermittlungen gegen Ex-Bundeskanzler Gusenbauer wegen des Verdachts nachrichtendienstlicher Tätigkeiten werden eingestellt.

10. April 2014: Aliyev-Gegner werfen Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) vor, "ein Mittäter, ein Assistent von Rakhat Aliyev" gewesen zu sein. Brandstetter weist die Vorwürfe zurück.

19. Mai 2014: Die Staatsanwaltschaft Wien erlässt einen Haftbefehl gegen Aliyev.

6. Juni 2014: Aliyev wird am Wiener Flughafen festgenommen. Seinem Anwalt Manfred Ainedter zufolge habe sich Aliyev "freiwillig" gestellt. Der früher kasachische Vizeaußenminister kommt in U-Haft.

16. Juni 2014: Opferanwälte präsentieren ein schriftliches Geständnis Aliyevs, das bei einer Hausdurchsuchung kasachischen Ex-Geheimdienstchefs M. gefunden worden sei. Laut der Staatsanwaltschaft Wien handelt es sich um eine Fälschung.

28. Oktober 2014: Das Oberlandesgericht Wien bezeichnet den Verein "Tagdyr" der Witwen der ermordeten Bankmanager für ein Tarnorganisation des kasachischen Geheimdienst. "Tagdyr" soll der Wiener Anwaltskanzlei Lansky zwischen 2009 und 2012 mehr als 14 Millionen Euro gezahlt haben, um gegen Aliyev vorzugehen. Lansky weist dies zurück.

31. Oktober 2014: Die Staatsanwaltschaft Wien plant eine Anklage gegen Aliyev wegen Doppelmords.

1. Dezember 2014: Der Aliyev-Vorhabensbericht der Staatsanwaltschaft liegt im Justizministerium und wird dort dem Weisenrat vorgelegt.

4. Dezember 2014: Eine PR-Agentur ließ einem Bericht des Magazins "Datum" zufolge jahrelang Negativpostings im Internet gegen Aliyev verfassen. Dies geschah demnach im Auftrag der Wiener Rechtsanwaltskanzlei Lansky, Ganzger und Partner.

30. Dezember 2014: Die erwartete Mordanklage gegen Aliyev wird eingebracht, der Schwurprozess gegen Aliyev, M. und K. soll Ende März starten.

24. Februar 2015: Aliyev wird tot in seiner Einzellzelle in der Justizanstalt Josefstadt aufgefunden. Nach Justizangaben erhängte sich der 52-Jährige dort mit Mullbinden an einem Kleiderhaken. Seine Anwälte zweifeln an dem Suizid des Ex-Diplomaten.

26. Februar 2015: Nach der Obduktion, bei der kein Hinweis auf Fremdverschulden gefunden wird, wird die Leiche von Aliyev vorerst nicht freigegeben. Das rechtsmedizinische Institut St. Gallen wird mit weiteren gerichtsmedizinischen Untersuchungen betraut.

31. März 2015: Ein pensionierter Sektionschef im Justizministerium soll versucht haben, entgeltlich für die Kanzlei Lansky Insiderwissen aus dem Ressort "abzusaugen". Der Betroffene und Lansky versichern, es habe sich dabei um kein ungesetzliches Vorgehen gehandelt.

14. April 2015: Im Wiener Straflandesgericht wird der Prozess gegen die verbliebenen Angeklagten eröffnet. M. und K. bestreiten jegliche Beteiligung an der Entführung und Tötung der kasachischen Banker und behaupten, die Beweise gegen sie wären im Nachhinein "konstruiert" worden.

29. April 2015: M. und K. werden vom Gericht wegen Wegfalls des dringenden Tatverdachts auf freien Fuß gesetzt. Ein Proteststurm der Privatbeteiligten-Vertreter sowie des Repräsentanten der kasachischen Generalstaatsanwaltschaft in Wien sind die Folge.

8. Juni 2015: Die Angeklagten werden wieder in U-Haft genommen. Das Wiener Oberlandesgericht (OLG) gibt einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft Folge. Der dringende Tatverdacht sei weiters gegeben, heißt es.

12. Juni 2015: Das gerichtsmedizinische Gutachten aus der Schweiz trifft bei der Wiener Justiz ein. Auch die Experten in St. Gallen finden keine Indizien, dass Aliyev von fremder Hand getötet worden wäre.

10. Juli 2015: M. und K. werden vom Vorwurf des Doppelmords freigesprochen. Der ehemalige KNB-Chef wird darüber hinaus gehend auch von sämtlichen weiteren, ihn betreffenden Anklagepunkten freigesprochen. K. erhält wegen Beteiligung an der Entführung und Gefangennahme der Banker zwei Jahre teilbedingt. Aliyevs Witwe wertet den Ausgang des Strafverfahrens als "posthumen Freispruch" für ihren Mann. Opfer-Vertreter Lansky sieht dagegen den "Kern der Anklage" bestätigt.

September 2016: Der Oberste Gerichtshof bestätigt die Entscheidungen des Wiener Straflandesgerichtes.

23. November 2016: Das Wiener Oberlandesgericht bestätigte das erstinstanzliche Urteil gegen Vadik K.

12. Dezember 2016: Die Anwälte Aliyevs, Manfred und Klaus Ainedter, präsentieren in Wien ein Privatgutachten des deutschen Rechtsmediziners Bernd Brinkmann, wonach Aliyev keinen Selbstmord verübt haben kann. Er habe sich nicht erhängt, sondern sei von einer Person niedergedrückt und durch Zudrücken von Mund und Nase erstickt worden ("Burking"). Die Staatsanwaltschaft Wien fordert daraufhin dem Schweizer Gerichtsgutachter eine Stellungnahme an, die bis Jahresende eintreffen soll (mehr dazu hier).

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