Nataschas Vater will weiterkämpfen

Ludwig Koch, Vater von Natascha Kampusch
Foto: Straka Der Vater kommt nicht zur Ruhe. Durch die vielen Ungereimtheiten ist er überzeugt davon, dass Priklopil nicht alleine war.

Der Vater von Na­tascha Kampusch bezweifelt die Ein- Täter-Theorie und rollt den Fall in einem Zivil­prozess neu auf.

KURIER: Herr Koch, Sie verklagen Ernst H., weil er von der Entführung Ihrer Tochter gewusst haben oder sogar daran beteiligt gewesen sein soll. Was hat Sie letztlich zu diesem Schritt veranlasst?

Ludwig Koch: Ich will, dass mein Kind endlich zur Ruhe kommt. Es muss irgendwann einmal die Wahrheit auf den Tisch. Es gibt so viele Widersprüche und Beweise, die ignoriert wurden. Das muss einmal klargelegt werden. Offene Fragen müssen geklärt werden.

Warum ziehen Sie gerade jetzt vor Gericht, Sie hätten es schon längst tun können. . .

Es gibt sechs oder sieben verschiedene Richtungen, in die da noch ermittelt wird und die das gleiche Ziel verfolgen. Nämlich die Ungereimtheiten zu klären. Und jetzt habe ich mir gedacht: Der Einzige, der sich das nicht länger gefallen lassen will, bin ich.

Die Öffentlichkeit wird sich wieder auf Sie stürzen. Wie gehen Sie damit um?

Seit 1998 haben wir keine Ruhe, ich kann nicht einmal mit der U-Bahn fahren, ohne dass mich jemand anspricht. Die Reaktionen der Menschen sind großteils positiv. Aber es muss einmal ein Ende haben – so oder so.

Staatsanwälten wurde vorgeworfen, Sie hätten Ermittlungsergebnisse ignoriert. Hat die Justiz nicht genug für die Aufklärung des Falles getan?

Wenn man das zurückverfolgt, da gibt es zu viele Ungereimtheiten. Ich möchte niemanden persönlich angreifen. Aber es kann sich jeder sein Bild machen. Wenn nur fünf Prozent der Vorwürfe stimmen, besteht extremer Handlungsbedarf.

Im Zentrum dieser Ungereimtheiten taucht immer wieder Ernst H. auf. Haben Sie sich nie gewundert, warum er nicht der Mittäterschaft angeklagt wurde?

Seit ich den Herrn H. das erste Mal gesehen habe, sagt mir mein Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt mit ihm. Sonst hätte er sich ja bei den Verhören nicht über 20 Mal widersprochen.

Sie werden Ihre Tochter als Zeugin laden lassen. Hat Sie sich zu Ihren Plänen geäußert?

Bevor wir das in die Wege geleitet haben, habe ich sie angerufen und ihr alles erzählt. Sie meinte: "Ich werde schon wissen, was ich tue." Und ich habe ihr erklärt, dass ich das nur zur ihrem Besten mache. Dass endlich einmal Klarheit geschaffen werden muss. Ich habe ihr erklärt, es muss einmal ein Ende haben, dass sie die Leute auf der Straße anpöbeln. Das ist für mich persönlich der einzige Weg, den ich gehen kann.

Nun könnte es sein, dass der gesamte Entführungsfall neu aufgerollt wird. . .

Es soll die Wahrheit auf den Tisch. Ich als Vater spüre: Ernst H. weiß mehr und sein Umfeld auch. Da passt einiges nicht. Meiner Meinung nach ist alles von langer Hand vorbereitet worden. Daher wundert es mich auch nicht, dass Natascha mit dem Ernst H. bei seiner Veranstaltungshalle in Liesing gesehen wurde. Und zwar nicht nur ein Mal, wie H. behauptet. Gleich nach der Flucht der Natascha und dem Tod des Priklopil gingen dessen Wohnungen in das Eigentum von H. über. Den Besitz von Priklopil hätte man versteigern müssen und das Geld Natascha als Schadenersatz zukommen lassen müssen.

Was war für Sie der entscheidende Punkt, wo Sie gesagt haben, die Entführung muss anders gelaufen sein?

Mir ist das von Anfang an suspekt vorgekommen. Gleich nachdem Natascha freigekommen ist. Es kann ja nicht sein, dass ich als Elternteil nicht vorgelassen werde ins AKH und der Ernst H. hat sie gleich besuchen und mit ihr tagelang telefonieren dürfen.

Der verstorbene Chefermittler Kröll hat Ernst H. sogar als Komplizen bezeichnet. Haben Sie das von Kröll auch gehört?

Ich habe etliche Vieraugengespräche mit Oberst Kröll geführt. Mittlerweile weiß ich, dass er großen Druck von oben bekommen hat und dann nicht mehr mit mir reden konnte. Der war so ein lieber und netter Mensch. Das ist ja alles eine Tragödie.

Sie fordern von Ernst H. Entschädigung. Wenn er diese zahlt, werden Sie dann auf den Prozess verzichten?

Diese Frage ist sehr wichtig. Wenn jemand glaubt, es geht mir ums Geld, dann liegt er völlig falsch. Die Zivilklage ist für mich die einzige Möglichkeit, den Herrn H. nochmals vor Gericht zu zitieren. Unser ganzes Leben ist umgedreht worden. Wie will man das mit Geld gutmachen? Die Antriebsfeder ist Gerechtigkeit und dass mein Kind ein normales und ruhiges Leben führen kann. Ich will, dass mein Kind nicht beschimpft wird und dass es geachtet wird. Natascha ist immer Opfer gewesen. Man weiß ja nicht, ob sie nicht heute noch in großer Gefahr ist. Solange es Mitwisser gibt, ist sie in Gefahr. Heute ist sie 22. Sie ist drei Personen gleichzeitig: Ein zehnjähriges Kind, ein Teenager und eine 40-jährige Frau.

Haben Sie häufig Kontakt zu ihr? Sehen Sie sie oft?

Gesehen habe ich sie zuletzt vor zwei Monaten. Wir telefonieren aber regelmäßig. Jetzt ist sie so weit, dass sie mich von sich aus anruft. Sie muss einmal frei werden. Mir geht es darum: Wenn andere dabei waren oder etwas von der Entführung gewusst haben, dann müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Die Tatzeugin hat immer gesagt, dass es zwei Täter waren. Ich glaube ihr heute noch. Sie hat sich auch nie widersprochen. Außerdem: Die Natascha hätte keiner alleine im Auto festhalten und gleichzeitig lenken können. Natascha hätte sich mit Händen und Füßen gewehrt, ganz sicher.

Fall Kampusch: 14 Jahre und kein Ende

Die Entführung Am 2. März 1998 wird Natascha Kampusch auf dem Weg zur Schule in Wien-Donaustadt entführt und in einen weißen Mercedes-Transporter gezerrt. Ein 12-jähriges Mädchen wird Tatzeugin. Bis heute spricht sie von zwei Entführern.

Erste Ermittlungen Die Exekutive kontrolliert in Wien und NÖ 1000 Besitzer weißer Kleinbusse. Auch Wolfgang Priklopil war darunter. Die Beamten fanden keine Hinweise und zogen ab. Die Ermittlungen verliefen im Sand.

Die Flucht Nach 3096 Tagen in Gefangenschaft gelang Natascha Kampusch am 23. August 1998 die Flucht aus dem Gefängnis in Strasshof. Am Abend wurde die Leiche von Priklopil an der S-Bahn zwischen Wien Nord und Traisengasse entdeckt. Die Ermittlungen begannen erneut. Doch schon am 15. November 1998 stellte die Staatsanwaltschaft die Causa komplett ein. Priklopil wurde trotz aller Widersprüche als Einzeltäter abgestempelt.

Ungereimtheiten Am 9. Juni 2008 legte die Evaluierungskommission unter der Leitung von Ludwig Adamovich den Endbericht vor. Vernichtendes Urteil: Über all die Jahre wurde schlampig ermittelt und Nebenschauplätze außer Acht gelassen. Es sei nicht restlos geklärt, ob nicht weitere Personen involviert gewesen wären.

Amtsmissbrauch Bisheriger Höhepunkt war das Ermittlungsverfahren gegen fünf leitende Oberstaatsanwälte (wegen Amtsmissbrauchs). Es wurde schließlich 2011 eingestellt.

Wiederaufnahme Demnächst will der parlamentarische Unterauschuss bekannt geben, dass der Fall neu aufzurollen ist. Nataschas Vater ist schneller. Er brachte Mitte März eine Zivilklage gegen Ernst H., den Freund und Geschäftspartner Priklopils, ein.

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(kurier) Erstellt am
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